GeldanlageWarum Anleger der Wahl gelassen entgegensehen können

Händler an der Frankfurter BörseIMAGO / Michael Weber

Wenige Tage vor dem Urnengang wissen viele Deutsche noch nicht, wo sie ihr Kreuz setzen sollen. Aktuelle Umfragen zeigen: Rund ein Drittel der Wahlberechtigten hat sich bislang noch nicht für eine Partei entschieden. Damit ist der Ausgang der Wahl so ungewiss wie lange nicht mehr. Und auch nach dem 26. September bleiben einige Fragen offen: Wer koaliert mit wem, unter welchen Bedingungen? Womöglich ziehen sich die Koalitionsverhandlungen bis ins kommende Jahr hinein. Aus politischer Sicht ist die Wahl damit so spannend wie lange nicht. Doch gilt das auch für die Börse?

Fakt ist – egal wie die Wahl ausgehen wird – das Ergebnis wird entgegen den landläufigen Erwartungen kaum einen Effekt auf die Finanzmärkte haben. „Die meisten Anleger überschätzen die Relevanz der deutschen Bundestagswahl“, bestätigt Stefan Eberhardt, Geschäftsführer der Eberhardt & Cie. Vermögensverwaltung. Sicherlich kann ein Regierungswechsel Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft haben, doch statistisch gesehen wirken sich politische Entscheidungen kaum auf Aktienkurse aus.

Andere Faktoren sind wichtiger

Nicht einmal die deutschen Unternehmen selbst zeigen sich von den Kapriolen rund um die Bundestagswahl beeindruckt. Die eigentliche Regierungsbildung zum Beispiel bereitete den Unternehmen in den vergangenen 27 Jahren kaum Sorgen, zeigt eine Analyse der DZ Bank. Demnach konnten die Studienautoren bei keiner vergangenen Wahl, egal welche Partei gewann, einen eindeutig positiven oder negativen Einfluss auf den Ifo-Geschäftsklimaindex feststellen, der die Konjunkturerwartungen der deutschen Wirtschaft misst. Selbst als im Herbst 1998 erstmalig die Grünen Teil einer Bundesregierung wurden, blieb die Stimmung mittelfristig entspannt.

Für die Unbeschwertheit gibt es gute Gründe. Ob Aktienkurse auf Berg- oder Talfahrt gehen, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Angefangen bei den Erwartungen der Anleger über geopolitische Spannungen bis hin zur Weltkonjunktur. Die Daten der DZ Bank zeigen, dass letztere einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die Aktienmärkte ausübt als die Regierung eines Landes. Wer also Pech hat, übernimmt genau zu Zeiten einer Wirtschaftskrise das Zepter der Macht. Wie etwa die SPD unter Gerhard Schröder, die von 1998 bis 2005 regierte; also auch während der Finanzkrise im Jahr 2001. Die entwickelte sich zwar ohne direktes Zutun der Regierung, ließ aber dennoch den Dax abstürzen.

Volatilität rund um den Wahltermin

Quelle: DekaBank

Trotzdem schwanken Aktienkurse rund um den Wahltermin. Der Dax neigt etwa hundert Handelstage vor der Wahl tendenziell zur Schwäche; verzeichnete aber kurz nach der Wahl wieder ein deutliches Plus. In den USA zeigt sich ein ähnliches Bild: In Wahljahren ist auch der S&P 500 überdurchschnittlich volatil. Letztlich ist diese Entwicklung aber durchaus logisch. Denn wie eine alte Anleger-Weisheit besagt, „hassen Finanzmärkte nichts mehr als Unsicherheit“. Es ist also die Angst vor dem Ereignis an sich, die die Finanzmärkte ins Wanken bringt – ob nun Baerbock oder Laschet an der Spitze ist, spielt für die Börsen keine Rolle.

Den großen politischen Umbruch wird es nach der Bundestagswahl in diesem Jahr aller Voraussicht nach ohnehin nicht geben. Egal ob Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder demografischer Wandel – die wirklich großen Trends sind schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Beispiel Klimawandel: Die meisten Parteien stimmen mittlerweile überein, dass er eines der drängendsten Probleme unserer Zeit ist. So wollen fast alle Parteien den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben. Die Grünen und die Linke etwas schneller – sie wollen Klimaneutralität bis 2035. Die FDP erst bis 2050. Die Union und die SPD halten an dem bereits beschlossenen Neutralitätsziel 2045 fest.

Anleger sollten sich nicht nach Wahlprogrammen richten

Zwar dürfte die neue Regierung zumindest im kleinen Stil Impulse setzten – und diese hängen natürlich doch vom Wahlergebnis ab. Während eine grüne Regierungsbeteiligung den Chemiesektor in Bedrängnis bringen dürfte, setzt eine linke eher die Immobilienbranche unter Druck. Nichtsdestotrotz bleibt der „deutsche Aktienmarkt vor dem Hintergrund einer auch im Jahr 2022 robust erwarteten globalen konjunkturellen Entwicklung für Anleger interessant“, erwarten Experten der Commerzbank. Heißt konkret: Anleger werden auch weiterhin an den Börsen gute Renditen erzielen können.

Was bedeutet das jetzt für Investoren? Anhand von Wahlprogrammen brauchen Anleger ihre Investitionsentscheidungen zumindest nicht auszurichten. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann allerdings mit einem ausreichend diversifizierten Depot vorsorgen. „Anleger mit einem Portfolio, das weltweit investiert ist, kümmert der Wahlausgang wenig“, betont Philipp Vorndran, Investmentstratege bei Flossbach von Storch. Allerdings sollten Anleger diesen Tipp auch außerhalb von Wahljahren beherzigen – auch dann halten es Experten für wenig ratsam, sich auf nur eine Region zu fokussieren.

 


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