GeldanlageVW-Aktie – Einsteigen bitte!

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Der Abgasskandal lastet auf VW: Doch wie stark ist der Schaden für den Konzern und die Aktie?
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Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Der Chart sieht aus, als sei ein Auto ungebremst über eine Klippe gefahren und in die Tiefe gestürzt. Und so ähnlich war es ja auch. Nur, dass es nicht nur ein Auto war, sondern gleich der gesamte Konzern. Zu Beginn der vergangenen Woche stürzte die Volkswagen-Aktie ziemlich ungebremst in die Tiefe, nachdem VW am Wochenende zugegeben hatte, die Diesel-Abgaswerte bei US-Modellen mittels Software manipuliert zu haben. Das ließ die Aktie tags darauf an den Börsen krachen. Und der Kurssturz setzte sich auch Dienstag und Mittwoch noch einmal fort, nachdem immer mehr Fakten auf den Tisch kamen und schließlich klar war, dass insgesamt elf Millionen Autos allein der Marke VW betroffen sind und zudem die Frage entbrannte, ob Vorstandschef Martin Winterkorn noch zu halten sei. Von 160 Euro am Freitag, dem 18. September, fiel der Kurs der VW-Aktie bis auf 105 Euro am Dienstag. Um fast 60 Euro.

Die Aktionäre können jetzt im Grunde nur eines tun: Am besten die Augen angesichts des Kursverlaufs schließen – und nicht nachrechnen, was dieser Kursverlust in Prozent bedeutet und wie viel Geld er sie kosten würde, würden sie jetzt ihre Aktien abstoßen. Zum rechtzeitigen Handeln vor dem Absturz blieb ihnen ohnehin keine Zeit. Wer also zurzeit VW-Aktien hält, für den ist das Verkaufen momentan keine Option. Der kann nur abwarten, dass sich der Kurs wieder normalisiert. Oder, noch besser: Er sollte zukaufen.

Volkswagen Vz Aktie

Volkswagen Vz Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Denn so halsbrecherisch es auch klingen, ausgerechnet jetzt bei dem Konzern einzusteigen, dessen Aktie zu den am schlimmsten nach unten geprügelten der letzten Jahre gehört – es dürfte eine ziemlich gute Idee sein. Eingefleischte Börsianer kennen schließlich nicht umsonst den Spruch: Man soll kaufen, wenn die Kanonen donnern.

Müller hat schon bei Porsche den Turnaround hingekriegt

Bei VW kracht es nun gewaltig und natürlich muss der Skandal um Abgasmanipulationen erst einmal aufgearbeitet werden. Das kann dauern. Aber es gibt dennoch wenig Grund zu der Annahme, dass der Wolfsburger Konzern auf lange Sicht nicht wieder auf die Füße kommen wird. Dann wäre es gerechtfertigt, dass die Aktie seit dem Enthüllungswochenende rund ein Drittel ihres Gesamtwertes eingebüßt hat. Von Freitag auf Dienstag verpuffte mit dem Aktienkurs auch ein Börsenwert von knapp 30 Mrd. Euro – zwischen Freitag und Dienstag, dem Tag des vorläufigen Kurstiefpunkts. Das erscheint vielen dann doch ein bisschen zu üppig.

Ja, es stehen nun Bußgelder im Raum, die VW angesichts der Affäre vermutlich an US-Behörden leisten muss. Und sie könnten tatsächlich viele Milliarden Euro betragen. Nicht umsonst hat VW angekündigt, dafür bereits 6,5 Mrd. Euro zurückzustellen und eine Gewinnwarnung herausgegeben. Schadenersatzforderungen von Kunden könnten noch hinzukommen. Und es droht ein Absatzrückgang, weil sich VW mit dem Skandal einen gehörigen Imageschaden eingehandelt haben dürfte. All das wird den Konzern in den kommenden Monaten noch erheblich schwächen. Im zweistelligen Milliardenbereich dürfte der Gesamtschaden durch den Skandal für VW liegen, schätzen Autoanalysten. Doch jetzt, mit dem erfolgten Wechsel an der Vorstandsspitze, gibt es auch berechtigte Hoffnung, dass der Autobauer das irgendwann wegstecken wird.

Der neue Chef Matthias Müller hat bereits einmal eine Kehrtwende in einem Unternehmen hinbekommen: Als er 2010 den Posten als Vorstandsvorsitzender von Porsche antrat, stotterte der Motor in Stuttgart hörbar. Porsche war aufgrund der Finanzkrise und Rezession nicht mehr auf der Erfolgsspur und hatte sich zudem durch die gescheiterte Übernahme des ungleich größeren VW-Konzerns finanziell verhoben. Müller hat den Sportwagenbauer wieder aus dieser Krise herausgesteuert und das in rasantem Tempo. Er ist also offenbar nicht die falsche Besetzung für die Spitze des Gesamtkonzerns.

Chancen für einen Wiederaufstieg der Aktie stehen gut

Dass es den Vorstandswechsel und die Ablösung von Martin Winterkorn gegeben hat, ist zudem ein gutes Zeichen für Aktionäre. Bereits direkt nach Winterkorns-Rücktrittsankündigung schnellte die VW-Aktie wieder nach oben. Häufig erleben gebeutelte Aktien nach einem Vorstandswechsel herbe Ausschläge. Zwar nicht immer in die positive Richtung, sondern oft auch nach unten. Doch wenn sich ein Vorstand über längere Zeit als glücklos herausgestellt hat, oder größere Verfehlungen einräumt, kommt es oft zum Kursanstieg. Beim Abgang von Infineon-Chef Wolfgang Ziebart war es so, den Abgang von Daimler-Chef Jürgen Schrempp hat die Börse sogar als „Schrempp-Effekt“ im Gedächtnis, weil der Aktienkurs danach um neun Prozent nach oben schnellte. Zuletzt verpasste auch Siemens-Vorstandschef Peter Löscher den Aktien seines Unternehmens einen Schub, als er seinen Dienst quittierte.

In einem Fünftagesfenster rund um den Vorstandswechsel dürfen die Aktionäre mit besonders starken Ausschlägen rechnen, sagen Studien. Bei der VW-Aktie also auch noch in den kommenden Tagen. Allerdings hüpfen die Kurse kurzfristig vor allem dann, wenn die Firmen einen Überraschungskandidaten als neuen Chef präsentieren. Treten dagegen Nachfolger aus dem Unternehmen an, die intern bereits als Favoriten gehandelt oder als Kronprinzen aufgebaut wurden – so wie jetzt bei VW, fällt der Überraschungseffekt an den Börsen meist geringer aus.

Wichtiger für alle Altaktionäre und Neueinsteiger bei VW dürfte allerdings sein, wie sich der Kurs langfristig weiterentwickelt. Dazu haben Studien herausgefunden: Schlägt der Neuvorstand einen Sanierungskurs ein, dann steigt der Kurs auch langfristig an. Und der Jubel der Börse darüber hält rund zwei bis drei Jahre an. Angesichts der Tatsache, dass VW noch vor wenigen Wochen bei vielen Analysten als Favorit unter den Autoaktien galt und man den Papieren ein Kurspotenzial von 260 Euro nachsagte, stehen die Chancen für einen Wiederaufstieg der abgestürzten Aktienkurses nicht schlecht. Momentan sind Analysten deutlich zurückhaltender und setzen das Kursziel bei rund 135 Euro. Dennoch ist das Votum klar. Die Mehrzahl der Analysten sagt zu den Papieren: „Kaufen“.