AktienVorsicht vor neuen Produktideen

Börse
Im Erfinden neuer Produkte sind die Anbieter erfinderisch
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Thilo Stadler ist Portfoliomanager bei der I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim


Ob Butterfly-Zertifikate, Multi-Asset-Fonds oder Smart-Beta-ETF – die Produktschmieden der Finanzbranche sind für ihre Innovationsfreudigkeit bekannt. Sie beherrschen es wie wenige andere Wirtschaftszweige, drohenden Absatzkrisen mit immer neuen Produktideen entgegenzuwirken.

Dem weltweit rasanten Wachstum der Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETFs) wurde unlängst eine neue Assetklasse untergeordnet, die sogenannten „Smart Beta ETFs“. Das sind börsengehandelte Indexfonds deren zu Grunde liegender Index auf Basis einer systematischen Optimierungsstrategie verspricht, einen Mehrertrag zu erwirtschaften. Smart Beta gleich Outperformance mit System. Das klingt gut, da darf die Managementgebühr denn auch ruhig etwas höher sein als bei klassischen ETFs.

Eine neue, Aufsehen erregende Produktidee stellte jüngst der auf Smart-Beta-ETFs spezialisierte Anbieter Ossiam vor. Kein Wunder, steht mit Robert Shiller aus den USA doch ein renommierter Wissenschaftler und Nobelpreisträger hinter dem Ansatz. In Anlehnung an das von Shiller bereits in den 80er-Jahren entwickelte Shiller-KGV werden die günstigsten Sektoren am Aktienmarkt identifiziert und – um nicht in ein „fallendes Messer zu greifen“ – um den Sektor mit der schlechtesten Performance des Vorjahres bereinigt. Dann wird zu gleichen Teilen in Aktien aus diesen Sektoren investiert. Das Stichwort ist also Unterbewertung, die man sich systematisch zu Nutzen machen möchte.

kein blind funktionierendes System

Es ist davon auszugehen, dass angesichts anhaltend niedriger Zinsen und der daraus resultierenden Alternativlosigkeit von Aktien sowie weiter steigender Aktienmärkte verstärkt  Produkte mit systematischen Value-Strategien aufgelegt werden. Stellt sich die Frage: Sind diese Strategien für den Anleger erfolgversprechend, liefern sie wirklich einen Mehrwert zur Investition in den breiten Markt?

Es ist unbestritten, dass Investitionen in unterbewertete Aktien langfristig sehr gute Ergebnisse liefern können. Die Investorenlegende Warren Buffett hat dies immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Buffett hat aber stets auch betont, dass die Kombination aus einer günstigen Bewertung, also fundamentalen Faktoren, und den Zukunftserwartungen entscheidend ist für den langfristigen Erfolg dieser Strategie. Ein blind funktionierendes System ist das also nicht.

Denn eines ist nicht von der Hand zu weisen: Es gibt immer Märkte und Sektoren, die auf Sicht mehrerer Jahre eine schlechtere Wertentwicklung zeigen als die relevanten Vergleichsgrößen oder der Gesamtmarkt. Und wer würde behaupten, dass es keine Gründe für die seit Jahren anhaltenden Kursrückgänge beziehungsweise „günstigen Bewertungen“ bei den deutschen Versorgern, beim griechischen oder russischen Aktienmarkt, oder bei der Aktie der Deutschen Bank im Vergleich zum europäischen Bankensektor gibt?

Nur Underperformance reicht nicht

Unterstellen wir einmal, in den genannten Fällen seien die Aktien günstig bewertet und unser „System“ schaltet auf grün. Die alten Geschäftsmodelle der Stromversorger sind inzwischen Geschichte. Aber die Unternehmen beginnen gerade erst sich neu zu erfinden. Die moderate Erholung der vergangenen 18 Monate könnte sich eher als technische Reaktion denn als Trendwende herausstellen, eine Investition somit noch immer zu früh kommen.

Den Ausgang der griechischen Wahlen und die darauffolgenden Ereignisse schließen Käufe in Griechenland zur Zeit ebenso aus, wie die gefährliche Entwicklung in der Ukraine dies für den russischen Aktienmarkt tut. Wenn hingegen die Führung der Deutschen Bank in Kürze wieder strategische Entscheidungen trifft und damit Fantasie für stabilere oder höhere Gewinne weckt, dann könnte sich der Fokus von der Rechtsabteilung wieder hin zum operativen Geschäft bewegen und die Marktteilnehmer womöglich überzeugen, die Deutsche-Bank-Aktie zu kaufen.

Die Begründung für eine Investition darf also nicht alleine eine zurückliegende Underperformance oder eine günstige Bewertung  sein. Das ausschlaggebende Kriterium muss stets an die Erwartung geknüpft sein, dass sich die zu Grunde liegenden Fundamentaldaten verbessern. Wer „kopflos“ investiert, der geht – bildlich gesprochen – mit geschlossenen Augen über den Zebrastreifen. Der Markt bewertet die Zukunftsperspektiven und wird früher oder später immer die Fundamentaldaten berücksichtigen. Für Investitionsentscheidungen braucht es eher eine Meinung denn einen Computer.

Produkte bietet der Markt zu genüge, und das schon lange. Will heißen: Auch wenn Sie über den Zebrastreifen gehen, sollten Sie vorher immer nach links und nach rechts schauen, damit Sie nicht von einem Auto (also dem Markt) überfahren werden.