GastkommentarP&R-Skandal: Die Schuld der Finanzberater

Bei der Havarie der „Rena“ gingen 2011 vor Neuseeland rund 100 Container über Bord. Etwa 1,25 Millionen solcher Transportbehälter gehören P&R-Anlegern – jedenfalls auf dem Papier
Bei der Havarie der „Rena“ gingen 2011 vor Neuseeland rund 100 Container über Bord. Etwa 1,25 Millionen solcher Transportbehälter gehören P&R-Anlegern – jedenfalls auf dem Papier. In der Realität existierten viele von ihnen nichtGetty Images

Mit den P&R-Gläubigerversammlungen vergangene Woche in München ist einer der größten Fälle von Wirtschaftskriminalität wieder in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Von der Insolvenz der P&R-Gruppe sind rund 54 000 Anleger betroffen, die Vermögensschäden belaufen sich auf etwa 2,6 Mrd. Euro. Doch der Insolvenzverwalter Michael Jaffé musste den anwesenden 2 500 Investoren mitteilen, dass die vorhandene Masse derzeit bei ungefähr Null Euro liegt – und sie auf eventuell später fließende Einnahmen aus der Vermietung von Seefrachtcontainern vertrösten.

Schon heute stellt sich dagegen die Frage nach der Haftung. Diese ist äußerst spannend, Diese ist äußerst spannend, denn ein Zugriff auf das Vermögen der handelnden Personen, beispielsweise des in Untersuchungshaft sitzenden Gründers Heinz Roth, gestaltet sich schwierig. Da hier also erst einmal nichts zu holen sein wird und aus der Masse frühestens 2021 Bruchteile fließen sollen, fokussieren sich Anwälte und die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) auf Finanzberater und Banken, denen Fehlberatung vorgeworfen wird.

Seit März ist die P&R-Gruppe offiziell insolvent, doch faktisch soll sie es bereits seit 2010 gewesen sein. Zur Vorgeschichte: Jahrzehntelang wurde das Geschäftsmodell von P&R nur leicht variiert. Deutsche Vertriebsgesellschaften sammelten Gelder ein, um von einer Schweizerischen Tochter Container zu erwerben und sie an die Anleger weiterzuverkaufen. Anschließend wurden die Container durch die Vertriebsgesellschaft von den Anlegern zurückgemietet, um sie wiederum an die Schweizer Tochtergesellschaft weiterzuvermieten.

Die Einnahmen aus dem auf etwa fünf Jahre angelegten Mietverhältnis sollten bei 10 Prozent des Kaufpreises liegen. Nach Mietvertragsende offerierte die Vertriebsgesellschaft den Anlegern den Rückkauf der Container zu 65 Prozent des Kaufpreises. Dies wurde auch lange eingehalten. Insgesamt sollte sich eine jährliche Vorsteuerrendite von 4 bis 5 Prozent für die Anleger ergeben. Es gibt Hinweise, dass diese Renditen bereits seit 2007 nicht mehr erwirtschaftet werden konnten. Das führte nach Darstellung von Insolvenzverwalter Jaffé dazu, dass seit acht Jahren neu eingeworbene Gelder dafür genutzt wurden, Altanleger zu bedienen – wie in jedem Schneeballsystem.

Zur Kundengewinnung vertraute P&R überwiegend auf selbständige oder bei Banken angestellte Anlageberater, an die Provisionen von bis zu 10 Prozent des Kaufpreises flossen. Die meisten Kunden haben also auf Anraten von Vermittlern investiert, und einiges spricht dafür, dass diese ihre Pflichten zur objekt- und anlegergerechten Beratung nicht allzu genau genommen haben. Bedeutsam ist vor allem, ob die Beratung objektgerecht war und alle entscheidungsrelevanten Umstände, alle wesentlichen Chancen und Risiken enthalten hat. Der Berater ist auch verpflichtet, eine Plausibilitätsprüfung vorzunehmen, um zu prüfen, ob eine Anlage wirtschaftlich funktioniert.

Im Fall P&R hätte diese Prüfung ergeben, dass ein Nachweis über den Eigentumserwerb in den meisten Fällen unmöglich war. Denn etwa 90 Prozent der Anleger hatten keine Zertifikate mit Containernummern. Dass nach SdK-Informationen häufig nicht auf die überhöhten Kaufpreise hingewiesen wurde, passt da ins Bild. Und es setzt sich fort über ungeklärte Fragen, wie eine Miete von etwa 10 Prozent des überhöhten Kaufpreises überhaupt in einem Markt mit Überangebot zu erzielen ist, oder wie der Containerrückkauf finanziert wird, der sich bei 65 Prozent des Ankaufspreises bewegte. Auch die Eigentumsverwertung im Falle ausbleibender Rückkaufsangebote spielte keine Rolle. Spätestens hier wären die Risiken einer Verwertung weltweit verstreuter Container offensichtlich geworden.

Oder das Thema Intransparenz: Dass P&R erst nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 Prospekte herausgab, Abschlüsse teilweise verspätet und mit eingeschränkten Prüfungsvermerken veröffentlicht wurden, war oft keine Erwähnung wert. Ebenso verhielt es sich mit steigenden Branchenrisiken im Gefolge der Schifffahrtskrise ab 2008. Man hätte es besser wissen können, denn die Presse berichtete durchaus. Schon 2014 schrieb etwa das Manager Magazin kritisch über die hohen Containerpreise bei P&R. All das hätte nach Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs Teil einer Beratung sein müssen.

Kleinanleger haben das Nachsehen

Scheinbar haben Schadenersatzansprüche wegen der unvollständigen objektgerechten Beratung gute Erfolgsaussichten. Diese Beratung dürfte in den meisten Fällen ursächlich für den Schaden sein, und der Berater ist in der Pflicht nachzuweisen, dass das Investment bei vollständiger Beratung auch erworben worden wäre. Angesichts der skizzierten „Auslassungen“ dürfte sich das schwierig gestalten. Genauso verhält es sich mit der Frage, ob den Berater ein Verschulden an der Fehlberatung trifft: Er muss beweisen, dass er davon ausgehen konnte, den Anleger über bestimmte Tatsachen nicht aufklären zu müssen.

Anlegern bleibt nur, mithilfe eines Anwalts Schadenersatz von den Vermittlern einzuklagen, sofern man sich nicht außergerichtlich einigt. Man kann dafür spezialisierte Anlegerkanzleien beauftragen oder sich auf der Webseite der SdK als Betroffener registrieren. Laut SdK lohnt sich die Klage aber nur, wenn die Anlage 5 000 Euro überstieg. Das Prozesskostenrisiko liegt beim Anleger, sofern er über keine Rechtsschutzversicherung verfügt.

Und so wird am Beispiel P&R auch deutlich, wie groß der Bedarf an einem echten kollektiven Rechtsschutz in Deutschland ist. Gäbe es eine echte Gruppenzahlungsklage, könnten sich auch die Anleger kleinerer Summen zusammentun. Das, was beispielsweise im Fall P&R aktuell nicht sinnvoll erscheint, weil das Risiko den Ertrag übersteigt, würde sich anders darstellen. So könnte etwa eine Gruppe von Anlegern, die von einer großen Bank beraten wurden und mit jeweils weniger als 5 000 Euro investiert waren, klagen und hätte die Chance, ihren Schaden geltend zu machen. Hier ist also der Gesetzgeber aufgefordert, die Informationsrechte von Anlegern zu stärken und geeignete Instrumente des Rechtsschutzes einzuführen.