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Aktien Italienische Aktien: So riskant wie preiswert

Nach dem Rücktritt von Mario Draghi wird in Italien ein neues Parlament gewählt
Nach dem Rücktritt von Mario Draghi wird in Italien ein neues Parlament gewählt
© IMAGO / NurPhoto
Gleich mehrere Faktoren belasten Italiens Wirtschaft, in naher Zukunft sehen Experten kaum Kurstreiber. Doch sind auch weitere deutliche Rücksetzer unwahrscheinlich. Sollten Anleger jetzt einsteigen?

In Italien stapeln sich die Negativ-Schlagzeilen: Das Land muss aufgrund extremer Dürre im Norden das Wasser rationieren. Die Schäden für die Bauern gehen bereits jetzt in die Milliarden. Und vor wenigen Tagen hat Ministerpräsident Mario Draghi seinen Rücktritt eingereicht – trotz gewonnener Vertrauensabstimmung, denn seine wichtigsten Koalitionspartner waren dem Votum ferngeblieben. Draghi, der die Geschicke des Landes erst seit 2021 lenkt, bleibt nur noch bis zu den vorgezogenen Neuwahlen im Herbst im Amt. Auf die Menschen kommen also unruhige Wahlkampfwochen zu. In aktuellen Umfragen liegt die postfaschistische Partei Fratelli d’Italia vorne.

Deren Parteichefin Giorgia Meloni weiß den Unmut der Italienerinnen und Italiener für sich zu nutzen. Das betrifft vor allem die wirtschaftliche Situation des Landes: Die Inflationsrate von zuletzt acht Prozent trifft Italien besonders hart. Das zeigt ein Vergleich mit Deutschland: Auch hier leidet man unter historisch hohen Teuerungsraten, doch während die Reallöhne in der Bundesrepublik zwischen 1990 und 2020 um fast 34 Prozent gestiegen sind, verzeichnet Italien mit minus 2,9 Prozent auch auf 30-Jahres-Sicht einen Rückgang, zeigen Daten der OECD. Dazu kommt die horrende Staatsverschuldung. Diese hat sich in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 35 Prozent erhöht. Ende 2021 lag sie bei 2,68 Billionen Euro und rund 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die für den Euro-Raum eigentlich maßgebliche Maastricht-Grenze liegt bei 60 Prozent.

All das sind zentrale Belastungsfaktoren für Italiens Kapitalmarkt: Das Ende der Draghi-Regierung hat die US-Ratingagentur Standard & Poor’s dazu veranlasst, den Ausblick für das ohnehin bloß zweitklassige BBB-Rating italienischer Staatsanleihen von positiv auf stabil zu senken. Als Begründung wurden schlechtere Chancen auf wirtschaftliche Reformen angegeben. Darüber hinaus sorgt aktuell das neue „Antifragmentierungs“-Programm der Europäischen Zentralbank (EZB) für gehörige Skepsis unter Investoren. Eigentlich laufen die milliardenschweren Nettoanleihekäufe der Notenbank zum 1. Juli aus. Im Anschluss daran wird sie ihre Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte anheben. Doch die Währungshüter befürchten, dass hoch verschuldete Euroländer wie Italien durch steigende Zinsen in Bedrängnis geraten könnten. Das neue Schlagwort Fragmentierung umschreibt nun die Tatsache, dass die EZB auch nach dem 1. Juli Anleihen kaufen kann, sollte der Abstand einzelner Anleiherenditen zur Referenz deutscher Bundesanleihen zu groß werden.

Italienische Aktien sind günstig

Italiens Aktienmarkt hat seit Jahresbeginn im Schnitt mehr als 23 Prozent an Wert eingebüßt. Der Kursverfall an der Mailänder Börse hat dazu geführt, dass viele Aktien spottgünstig zu haben sind. Gemessen am MSCI Italy, der 25 Large- und Mid-Caps enthält, beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) rund 8. Damit liegt es um 36 Prozent unter dem Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Eine noch niedrigere Bewertung am italienischen Aktienmarkt gab es nur in den Euro-Krisenjahren 2008 (6) und 2011 (6,5).

Ein Blick auf die größten Einzeltitel des Indexes verrät: Eni, einer der wichtigsten europäischen Gas- und Ölkonzerne, kommt aktuell auf ein KGV von 3,5 auf Basis der für 2022 zu erwartenden Gewinne. Aktien von Intesa Sanpaolo, eines der größten italienischen Kreditinstitute, kosten den achtfachen, die des Autobauers Stellantis gerade mal den dreifachen Jahresnettogewinn. Der Nutzfahrzeug- und Baumaschinenhersteller CNH Industrial ist bei einem KGV von 9 ebenfalls äußerst günstig bewertet.

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege bei der Deutschen Bank, bezeichnet das Risiko weiterer deutlicher Rücksetzer als „relativ begrenzt“. In naher Zukunft sei zwar nicht mit einem „nachhaltigen Aufatmen“ zu rechnen. Aber eben auch nicht mit einem neuerlichen Einbruch. Anleger mit langem Atem und der notwendigen Prise Risikobewusstsein können die aktuelle Situation nutzen, um Positionen aufzubauen.

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