GeldanlageInvestoren im Brexit-Chaos

Heute, fast genau ein Jahr nach dem Brexit-Votum, starten die Verhandlungen über den Ausstieg Großbritanniens aus der EU. In den Gesprächen in Brüssel soll es zum ersten Mal um Inhalte statt Formalia gehen. Viele Fragen sind offen, und die Zeit ist knapp: Ende März 2019 sollen die Bande zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union (EU) gekappt sein. Die Parlamentswahl in Großbritannien Anfang Juni hat die Lage noch verkompliziert. Premierministerin Theresa May hatte Neuwahlen angesetzt, um die Position ihrer konservativen Partei zu stärken. Stattdessen haben die Tories die absolute Mehrheit im Unterhaus verloren und sind nun auf eine Koalition angewiesen, wenn sie nicht als Minderheitsregierung antreten wollen. May strebt offenbar eine Zusammenarbeit mit der konservativen nordirischen Kleinpartei Democratic Unionist Party (DUP) an.

Beobachter gehen davon aus, dass die Brexit-Verhandlungen wegen der Tory-Wahlschlappe von britischer Seite aus weniger hart geführt werden als befürchtet. May ist angeschlagen. Sollte es ihr nicht gelingen, mit der DUP eine Regierung zu bilden, könnte die Queen Oppositionschef Jeremy Corbyn mit der Regierungsbildung beauftragen – ihn dazu „einladen“, wie es in Großbritannien formal korrekt heißt. Auch Neuwahlen könnten dann im Raum stehen. So oder so wird die nächste britische Regierung in den Verhandlungen mit der EU voraussichtlich einen pragmatischen statt dogmatischen Ansatz wählen und Zugeständnisse machen müssen, etwa in der Zuwanderungsfrage. Großbritannien könnte dann unter Umständen den Zugang zum europäischen Binnenmarkt behalten.

„erhebliche Volatilität in nächster Zeit“

Die Parlamentswahlen haben auch am britischen Kapitalmarkt für Unruhe gesorgt. Das Pfund ist abgesackt, ebenso der britische Aktienindex FTSE 100. Anleger, die in Großbritannien investieren, sollten jetzt vorsichtig sein. Konkrete Prognosen sind schwierig, solange die Regierungsbildung nicht abgeschlossen ist. Aber: „Die Unsicherheit überwiegt und deutet auf erhebliche Volatilität in nächster Zeit hin“, sagt François Rimeu, Anlagestratege beim Fondsanbieter La Française Asset Management.

GBP/EUR (Britische Pfund / Euro) Währung

GBP/EUR (Britische Pfund / Euro) Währung Chart
Kursanbieter: FXCM

Die Wirtschaftsdaten machen jedenfalls nicht viel Hoffnung auf eine rasche Erholung. Das Wachstum auf der Insel hat sich zuletzt abgeschwächt, die Konjunkturaussichten haben sich verschlechtert. Das britische Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Quartal dieses Jahres um gerade einmal 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. In einer früheren Schätzung hatte das nationale Statistikamt ONS noch mit einem Wachstum von 0,3 Prozent gerechnet. Auch der Konsum legte im ersten Quartal dieses Jahres nur halb so stark zu wie im vierten Quartal 2016, berichtet der Fondsanbieter Vontobel Asset Management. Zugleich ist die Inflation seit dem Brexit-Votum deutlich gestiegen, von 0,5 Prozent im Juli 2016 auf 2,7 Prozent im April 2017. Das ist vor allem auf die Abwertung der britischen Währung zurückzuführen, die seit dem Referendum zu beobachten ist.

Angesichts der schwierigen Lage verzichtete die Bank of England in der vergangenen Woche darauf, an den Leitzinsen oder ihrem Anleihekaufprogramm zu drehen. Insgesamt scheint sie aber von ihrem Plan, die Geldpolitik im laufenden Jahr zu straffen, nicht abzuweichen. „Es wird Monate dauern, bis mehr Klarheit darüber herrscht, wie der Wahlausgang sowohl die Brexit-Verhandlungen als auch das Geschäftsklima und das Verbrauchervertrauen beeinflussen wird“, sagt Michael Metcalfe, Stratege bei State Street Global Markets. „Die Sorgen der Bank of England hinsichtlich der Inflation wiegen allerdings schwerer als die möglichen politischen Auswirkungen auf den Konjunkturausblick.“ Eine steigende Inflation auf der einen und eine schwächelnde Konjunktur auf der anderen Seite dürften für die Notenbank in den kommenden Monaten zunehmend zum Dilemma werden.

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