KolumneFinger weg von Unternehmensanleihen

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Vermutlich haben auch Sie schon von diesem Experiment gehört: Ein Frosch bleibt regungslos sitzen und stirbt, wenn man das Wasser, in dem er sitzt, nur allmählich erhitzt. Klingt nachvollziehbar, hat nur einen Haken: Es ist eine Legende. Natürlich flieht der Frosch, wenn die Wassertemperatur unangenehm heiß wird. Sonst hätte er kaum 130 Millionen Jahre Evolution überlebt.

Bei der Spezies Mensch ist das anders. Gerade mal zehn Jahre ist die große Finanzkrise her. Und dennoch interessiert es nur wenige, dass sie sich längst wieder in Gewässern nahe des Siedepunkts befinden.

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Das gilt etwa für den 400 Mrd. Euro großen Markt der Euro-Ramschanleihen, also jenen Papieren, die von Ratingagenturen als besonders riskant angesehen werden, da ihre Emittenten notorisch klamm sind.

Dazu eine Schätzfrage: Wie groß dürfte das Ausfallrisiko einer Ramschanleihe mit fünf Jahren Laufzeit maximal sein, damit Sie sich mit einer Rendite vor Steuern von 2,1 Prozent zufriedengeben? Zehn Prozent? Oder fünf Prozent?

Nun: In der Vergangenheit fiel im Schnitt jede achte Ramschanleihe binnen fünf Jahren aus. Ihre durchschnittliche Rendite beträgt aber nur noch eben jene 2,1 Prozent pro Jahr. Vor fünf Jahren waren es noch zehn Prozent, vor knapp zehn Jahren 25 Prozent pro Jahr. Für den Rückgang gibt es zwei Gründe: Die ultraexpansive Geldpolitik der Notenbanken weltweit und die verzweifelte Jagd der Investoren auf alles, was noch überhaupt einen positiven Zins abwirft.

Bei Autobauern sind die Renditen grob verzerrt

Derlei Niedrigzinsen sind traumhaft für die Unternehmen, aber weniger schön für jene Gläubiger, die noch Tausende Firmen finanzieren, die streng genommen gar nicht überlebensfähig sind. Nach Berechnungen der Basler Superzentralbank BIZ ist inzwischen jedes zehnte Unternehmen der Eurozone ein Zombie, dessen jährliche Zinslast höher ist als der Gewinn, mit dem noch Steuern und eben Zinsen bezahlt werden müssen.

Selbst bei Firmen exzellenter Bonität sind die Renditen grob verzerrt – etwa bei den Autobauern Volkswagen, Daimler und BMW. Deren Aktienkurse notieren inzwischen trotz eines synchronen globalen Wirtschaftsbooms zwischen 25 und 40 Prozent unter den 2015 erreichten Höchstständen. Gründe sind der Abgasskandal und die Sorge, die Firmen kämen beim Elektromotor zu spät.

Nun müsste man annehmen, dass eine solch disruptive Bedrohung eines ohnehin zyklischen Sektors auch die Anleihen erfasst. Hat sie aber nicht. Wenn Sie BMW oder Daimler für fünf Jahre Geld leihen, erhalten Sie am Anleihemarkt derzeit nicht einmal 0,3 Prozent Rendite pro Jahr, für Volkswagen 0,7 Prozent.

Der naheliegende Rat lautet daher: Halten Sie sich von diesen siedend heißen Gewässern der Unternehmensanleihen fern. Es genügt, dass sich Versorgungswerke, Pensionskassen und Versicherer um sie reißen – und Sie als deren Kunde ohnehin mit mehreren Zehen in dem Wasser sind, ohne es zu wissen.