KolumneEs lebe der Kontrollverlust!

Die Händler an den Börsen brauchten zuletzt gute Nervendpa

Aus großen Abenteuerfilmen kennen wir die Szene allzu gut: Die Lage wird brenzlig, eine Krise bricht herein, sie droht alles aus der Bahn zu werfen, dramatische Musik, Spannung … – und was macht der Held in diesem Moment? Genau, er stellt sich den Angreifern, dem Sturm, den großen Bedrohungen – und übernimmt das Ruder. Als Kapitän ergreift er das Kommando. Er wäre ja schließlich kein Held, würde er das Schiff jetzt nicht selbst durch die Gefahren steuern – sondern es ausgerechnet in dieser schwierigen Situation anderen überlassen. Und genau so verhalten wir uns auch, wenn uns als Anleger die große Krise trifft.

Wir stürzen dann an die Computer oder Bankschalter und schichten unser Depot rasant um. Und das auch noch umso stärker, je mehr wir zuvor unsere Gelddinge aktiven Fondsmanagern oder Indexfonds anvertrauten. So belegen es Verhaltensökonomen. Zuvor ließen wir unsere Portfolios also fremdsteuern, jetzt wollen wir umso mehr die Kontrolle zurück. Wir fliehen aus riskanten Anlagen, bringen unser Erspartes in Sicherheit, wollen die Krise mit möglichst kleinen Verlusten meistern.

Die neue Capital

Das Problem ist nur: Wir sind vielleicht der Kapitän und bestimmen beim Depot zumindest grob den Anlagekurs. Doch wir sind ganz sicher keine Helden, wenn es darum geht, unser Geld durch schwere Zeiten zu navigieren. Was Privatanleger in großen Krisen tun, ist allenfalls dann filmreif, wenn man es als Tragikomödie betrachtet.

So zumindest belegen es Studien der Verhaltensökonomen Martin Weber und Daniel Dorn, die 40.000 deutsche Depots in den Krisen 2008/09 und 2011 betrachteten: Die meisten Anleger verkauften im Abschwung fast alle Aktienfonds. Und zwar völlig egal, ob es Passiv- oder Aktivfonds waren. (Obwohl Aktive ja gerade durch ihre Manager die Chance hätten, Abschwünge abzufedern.) Sie verkauften selbst dann, wenn sie noch andere Anlageklassen besaßen.

Wer vor der Krise seine Geldanlage voll an Fondsprofis delegierte, der stieß sogar doppelt so häufig seine Fonds ab wie Teildelegierer, die noch andere Produkte besaßen. Und alle verkauften lieber die Fonds als Einzelaktien. Was wiederum nicht daran lag, dass die Fonds zuvor schlecht liefen – im Gegenteil, meist sammelten sie große Erträge an. Auch Alter, Bildung, Einkommen oder Geschlecht der Anleger waren dabei ganz egal.

Das einzige Verkaufskriterium war demnach: das mit den Kursen erodierte Vertrauen. Die Sparer wollten die volle Kontrolle zurück. Und was machten sie mit dem Geld? Dramatische Musik … – sie kauften Einzelaktien. Ausgerechnet. Sie gingen also noch mehr ins Risiko. Denn so delegierten sie nicht nur weniger an Profis, sondern diversifizieren auch noch viel weniger als mit Fonds. Wie sich das auf die Performance der Portfolios auswirkt, kann man sich hollywoodreif vorstellen. Nur so viel: Ein Happy End wird es nicht.

Das erleben eher jene, die bei Börsenschocks keinen Kontrollwahn mit Fondsfluchtreflex verspüren. Sondern die sich nur ein bisschen gruseln, aber gerade jetzt lieber die Ersten Offiziere an den Märkten die Gänsehautsituation umschiffen lassen. Statt unbedingt selbst die großen Helden zu spielen.

 


Nadine Oberhuber ist Capital-­Korrespondentin in München. In ihrer Kolumne schreibt sie jeden Monat über die Freude und die Last mit der Geldanlage und der Altersvorsorge.