KolumneDer trügerische Glaube an das V

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Auf die längste Börsenhausse der Geschichte ist die kürzeste Baisse der Historie gefolgt. Nicht minder sportlich verläuft die jüngst gestartete Hausse an der Wall Street. Der in seiner Bedeutung stark gestiegene Nasdaq-Index konnte nach einer 30 prozentigen Kursrally seit Ende März seine vorangegangenen Verluste fast wettmachen. Auch der marktbreite S&P 500 befindet sich im Aufwind. Sofern die US-Börsen ein Leitindikator für die kommende Konjunkturentwicklung sind, darf man Hoffnung auf einen V-förmigen Verlauf des Wirtschaftszyklus haben.

Nasdaq 100 Index

Nasdaq 100 Index Chart
Derzeit sind aber die diesbezüglichen Meldungen trüb. Bereits im ersten Quartal ging die amerikanische Wirtschaftsleistung um 4,8 Prozent zurück. Für das zweite Quartal wird ein Einbruch um bis zu 40 Prozent vorhergesagt. Derweil ist die Zahl der offiziell gemeldeten Arbeitslosen katapultartig auf gut 30 Millionen emporgeschnellt. Noch zügiger verschlechtern sich die Finanzen des Staates, sodass für das laufende Haushaltsjahr inzwischen ein Budgetminus von knapp 4 Billionen US Dollar erwartet wird. Das ist eine Zahl mit 12 Nullen hinter der Vier! Überholt werden die Fiskalisten dabei noch von den Notenbankern, deren Geldpolitik ins Grenzenlose vorstößt.

Donald Trump wird Schule machen

Bei alledem hat der amerikanische Präsident seinen Optimismus keineswegs eingebüßt. Sein „America first!“-Programm hat in seinen Augen dazu geführt, dass die USA besser dastehen als jemals zuvor. Bis zum 8. November werden wir warten müssen, um zu erfahren, ob die Wähler dies ebenso sehen.

Ungeachtet dessen wird Donald Trump als wichtiger Präsident in die Geschichtsbücher eingehen. Die Hinwendung zu Nationalismus, Isolation, Zuwanderungsphobie, Protektionismus und Antagonismus werden Schule machen. In Europa sind ganz ähnliche Tendenzen zu beobachten, obwohl man sich dort gerne auf einem höheren moralischen Standpunkt wähnt. Wie schnell aber die Grundrechte eingeschränkt werden, das hat man auch in Deutschland zuletzt gut beobachten können. Die Tendenz zum Überwachungsstaat, die seit dem 11. September 2001 und dem darauffolgenden ‚Patriot Act‘ sprunghaft zugenommen hat, findet im Westen eine steigende Zahl obrigkeitshöriger Anhänger.

Zum vielstimmigen Chor wächst die Schar derer heran, die heute nach dem Staat rufen. Langsam versteht man, warum unter jungen Leuten der Staat zum beliebtesten Arbeitgeber aufgestiegen ist. Vor allem beamtete Staatsdiener sind die großen Gewinner des staatlich verordneten Stillstands. Der Leviathan, immerhin ein Wort des nicht ganz unwichtigen Denkers Thomas Hobbes, selber brütet gewiss neue Pläne aus, wie er die Steuer- und Abgabenlast der Bürger weiter steigern kann. Obendrein dürfte die Regulierungsdichte weiter zunehmen, z.B. indem angeordnet wird, wer, wann, wo und im Beisein von wem welchen Mundschutz zu tragen hat. Das kommunistische China, das bezüglich der Überwachung seiner Untertanen weit fortgeschritten ist, wird auffällig häufig lobend erwähnt.

Sollten die Anleger also von einer V-förmigen Erholung der Wirtschaft ausgehen? Nein, dafür sind die Verwerfungen hinsichtlich Einkommen, Arbeit, Gewinne, Steuern, Staatsfinanzen etc. zu gravierend und ubiquitär.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns