AktienAuto-Aktien differenziert betrachten

Michelin zeigte auf der IAA einen luftlosen und vernetzten Konzeptreifen Getty Images

Der einstige Stolz der deutschen Wirtschaft kann Kratzer an seinem Image dieser Tage gar nicht so schnell wegpolieren, wie neue entstehen. Die großen Autohersteller leiden unter der Abgasaffäre und unter Vorwürfen, sich über Jahre hinweg illegal abgesprochen zu haben. Was als Skandal bei Volkswagen begann, hat mittlerweile auch andere Autokonzerne ins Zwielicht gerückt. Der Ruf der Branche ist im Keller, Anleger sind verunsichert, die Aktienkurse vieler Unternehmen in den vergangenen Wochen deutlich gefallen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Auto-Aktien derart beliebt, dass Investmentgesellschaften reine Auto-Aktienfonds auflegten, für Anleger, die gezielt in die Branche investieren wollten. Nach wie vor gibt es mehrere börsengehandelte Indexfonds (ETFs), die Indizes nachbauen, in denen ausschließlich Aktien von Autobauern und Zulieferern enthalten sind. Entsprechende Produkte verkaufen etwa die französische Gesellschaft Lyxor, die Blackrock-Tochter iShares und die Commerzbank-Tochter Comstage. Man könnte annehmen, dass die ETFs zuletzt stark an Wert verloren haben. Das ist allerdings nicht der Fall. Im Gegenteil: Ihre Wertentwicklung zeigt, dass man Auto-Aktien differenzierter betrachten sollte als es viele Investoren derzeit tun.

Branchenbarometer um 19 Prozent gestiegen

Gängigster Basis-Index für Auto-ETFs ist der Stoxx Europe 600 Automobiles [&] Parts. Er hat sich in den vergangenen zwölf Monaten deutlich besser entwickelt als die Aktien einzelner Autohersteller. Auf Sicht von einem Jahr ist das Branchenbarometer um rund 19 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Der Aktienkurs von Daimler hat währenddessen um 4,6 Prozent zugelegt, der Kurs der Volkswagen-Stammaktie um 6,8 Prozent. Der Aktienkurs von BMW legte in den vergangenen zwölf Monaten um 12,9 Prozent zu. Auch er blieb damit deutlich hinter dem Index zurück.

Sowohl Daimler als auch Volkswagen und BMW sind im Stoxx Europe 600 Automobiles [&] Parts vertreten, zusammen mit anderen großen Autoherstellern wie Renault, Ferrari und Peugeot. Daneben enthält der Index Aktien von Unternehmen aus der Zulieferer-Industrie wie den Reifenherstellern Continental, Michelin und Nokian Renkaat, dem Automobilzulieferer und Rüstungsunternehmen Rheinmetall sowie dem Kunststoff-Spezialisten Plastic Omium, der unter anderem Karosserieteile produziert.

Chancen bei Firmen aus der zweiten und dritten Reihe

Der Empörungssturm über die Abgasmanipulationen ist an diesen Automobilzulieferern weitgehend vorübergezogen. Ihre Aktienkurse sind in den vergangenen Monaten zum Teil kräftig gestiegen. Beispiel Michelin: Der Aktienkurs des Unternehmens hat in den vergangenen zwölf Monaten um 25,7 Prozent zugelegt. Bei Nokian Renkaat beträgt das Plus rund 18 Prozent. Der Kurs der Rheinmetall-Aktie stieg auf Einjahressicht sogar um 45,8 Prozent. Der Höhenflug des Stoxx-Index ist also maßgeblich den Zulieferern zu verdanken.

Langfristig könnten Automobilzulieferer von der Diesel-Affäre sogar profitieren, sagt Andreas Strobl, Fondsmanager bei der Privatbank Berenberg. Die Affäre könnte nämlich dem Trend zur Elektromobilität einen Extra-Schub verschaffen. „Künftig muss die deutsche Automobilbranche mehr in Forschung und Entwicklung investieren“, sagt Strobl. Dazu müssten die Konzerne stärker als bisher mit Zulieferern zusammenarbeiten. Bei Unternehmen aus der zweiten oder dritten Reihe, die flexibel und innovativ sind, sieht Strobl deshalb Wachstumspotenzial – und Chancen für Investoren.