GastkommentarDas Ego im Manager trinkt Diesel

„Man tut dem Diesel unrecht“, lamentierte Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller vor wenigen Tagen. Aha, dachte ich mir, da fühlt sich aber jemand auf den Schlips getreten. Müller – und viele andere Manager mit ihm – reagiert persönlich und mit Rechtfertigungen. Natürlich ist der Diesel eine ausgereifte Technologie und natürlich hat es auch früher schon Diskussionen über die Umweltverträglichkeit des Diesels gegeben. Aber darum geht es gar nicht mehr. Von den Führungsspielern der Automobilindustrie erwarte ich jetzt vielmehr, dass sie Verantwortung für ihre Fehler übernehmen und nach vorne schauen. Dass sie erörtern, was die Industrie braucht, um auf die disruptiven Veränderungen des Marktes eine Antwort zu haben. Dass sie zum Beispiel den Fokus auf die Elektromobilität legen, statt über den Diesel zu diskutieren. Damit können sie punkten.

In der aktuellen Situation hilft es nicht, sein Silo zu schützen. Es gilt hinzusehen, wie die verfahrene Situation verändert und daraus Positives abgeleitet werden kann. Damit sind wir dann auch beim Kern des Problems angelangt: Die Dieselaffäre bestimmt die Medien und bedeutet aus Sicht der Verbraucher ohne Frage einen kolossalen Vertrauensbruch. Für mich versagt das Management der Automobilkonzerne jedoch auf einem höheren Level: Anstatt ehrlich hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen, reden mehrere Führungsspieler die Krise klein, um ihr eigenes Ego zu retten. Sie diskutieren über alte Antriebe oder neue Innovationen viel besser als beispielsweise über die Elektromobilität, obwohl der Markt sich längst entschieden hat. Und jeder diskutiert alleine und sucht seine Lösung. Dabei brauchen wir einen Ruck, der durch die ganze Industrie geht. Nur gemeinsam ist der Standort Deutschland für die Automobilindustrie noch in seiner Führungsrolle zu retten.

Tödlicher Rettungsring

Den Schaden dieser Situation tragen in erster Linie die Menschen in den betroffenen Unternehmen, die Kunden und inzwischen sogar der gesamte Wirtschaftsstandort Deutschland. Denn während die verantwortlichen Manager damit beschäftigt sind, sich zu rechtfertigen und alles Korrumpierte schönzureden, bleiben die eigentlichen Herausforderungen der Industrie, die sich in einem disruptiven Wandel befindet, auf der Strecke. Was bedeutet es für die Kunden, wenn ganze Autokonzerne dank Milliardenstrafen in den Ruin getrieben werden? Was haben die Endverbraucher davon, wenn die deutsche Schlüsselindustrie schlechthin wegbricht? Und wer leidet außerdem, wenn der Diesel-Imageschaden sich auf die deutsche Industrie insgesamt ausweitet?

Wer mir vor Jahren als Ingenieur gesagt hätte, dass bei mir zu Hause in Aachen mal Elektroautos produziert würden, den hätte ich wahrscheinlich zum Arzt geschickt. Aber keiner der etablierten Automobilhersteller wollte der Deutschen Post vor einigen Jahren zuhören, als sie den Streetscooter bauen wollte. Gelandet ist die Post bei einem Start-up in Aachen. Ein weiteres Start-up vor Ort tüftelt an einem Elektroauto für nur 16 000 Euro, das schon im kommenden Sommer über Aachens Straßen rollen soll. So viel Innovation – und doch ist hier weit und breit keiner der renommierten deutschen Automobiler zu sehen. International haben diese ohnehin schon längst ihr Image als Innovationsführer an Tesla verloren.

„Made in Germany“ war und ist die längste Zeit ein Gütesiegel ohnegleichen. Wenn dieses Image einen Kratzer erhält, dann sehe ich neben der Politik vor allem auch die Manager der Automobilhersteller in der Pflicht. Zu hoffen, dass sie ihren guten deutschen Qualitätsruf mit einem Dieselgipfel absichern und mit Software-Updates bewahren können, ist ein Irrglaube. Was sie jedoch sehr wohl in der Hand haben, ist ihr Umgang mit der Krise.

Verantwortung wächst nicht in Egomania

An Krisen können Sie entweder zerbrechen oder gestärkt aus ihnen hervorgehen.Wenn Sie etwas verbockt haben, gilt es hinzusehen, wie Sie es reparieren oder verändern können. Proaktiv und kundengerichtet anstatt in der Rechtfertigung im eigenen Ego. Das erfordert Mut – Mut, wie ich ihn von den Managern der Automobilhersteller fordere. Sie tragen die Verantwortung für den Standort Deutschland mit. Nehmen sie diese Verantwortung an, können sie ihre Rechtfertigungsrolle verlassen und sich darauf konzentrieren, Nutzen zu erzeugen. Nach vorne zu gehen. Die Automobilindustrie umzubauen.

Erste Verbesserungsansätze sind bereits erkennbar. Porsche überlegt beispielsweise, sich möglichst schnell vom Dieselantrieb abzukehren. Den neuen Cayenne wird es möglicherweise schon nicht mehr als Dieselmodell geben. Doch solche Einzelaktionen haben nicht die Kraft, den Ruf einer Branche zu retten.

Für mich ist der Dieselskandal ein Weckruf an die Manager bei Volkswagen, Porsche, Audi & Co.: Sucht den Schulterschluss! Nicht als Kartell, sondern als Partner mit den gleichen Zielen und Ansprüchen. Warum vereinzelt kämpfen, wenn die neuen Marktanforderungen in großen Teilen dieselben sind?

Was es nutzt, vom Kunden her zu denken, hat der Online-Bezahldienst Paypal mit seinem rasanten Aufstieg eindrücklich gezeigt. Der Dienstleister ermöglichte seinen Nutzern die Bequemlichkeit, ihre Daten einmal und dann nie wieder hinterlegen zu müssen. Etliche Banken sind nun bemüht, ähnliche Bezahldienste nachzubauen – jede Bank für sich bis hin zu meiner kleinen Hausbank. Als ob sie PayPal damit jemals einholen könnten!

Auch an die Manager der Automobilkonzerne kann ich daher nur appellieren: Vom Wettbewerb her zu denken und auf eigene Faust zu kämpfen, führt maximal in den Untergang ihrer Industrie. Ganz sicher jedoch nicht in den verantwortlichen Umgang mit Deutschlands letzter globaler Schlüsselindustrie.

Torsten Osthus ist Unternehmer und Autor. Sein Appell: Mehr Verantwortung für die Mitarbeiter. Wie dies gelingen kann, beschreibt er in seinem Buch „Chefsache Empowerment“