AktienAuftrieb bei den Airline-Aktien

Warum ausgerechnet eine Insolvenz zu vorübergehenden Höhenflügen führt, ist in diesem Falle leicht erklärt: Die Pleite der deutschen Air Berlin ist für das Unternehmen selbst natürlich ein Desaster. Und auch viele ihrer Kunden, die bereits Tickets gekauft haben, fürchten in den jetzigen Urlaubstagen, ob die Fluglinie nun wirklich die fällige Beförderung übernehmen wird und weiterhin zu den bereits zugesagten Leistungen stehen wird. Doch für viele Marktbeobachter kam das Ende der Airline nicht unerwartet. Ablesbar war das auch schon lange am Aktienkurs, der sich auf Jahressicht fast halbierte und auf 10-Jahressicht ganze 96 Prozent an Wert verlor. Schon seit Jahren operiert der deutsche Günstigflieger am Rande dessen, was Betriebwirte für langfristig tragbar erachten. Nun hat auch die Golfgesellschaft Etihad den Geldhahn zugedreht. Insgesamt aber sehen etliche Analysten das Ausscheiden der Air Berlin eher als positives Signal für die Luftfahrtbranche. Vor allem hierzulande.

Zuletzt gerieten ja vor allem in Europa einige Airlines und ihre Aktienkurse ins Trudeln. Nach dem Höhenflug, den die Gesamtbranche 2014 erlebte, folgte eine doch recht lange Seitwärtsphase, die von Frühling 2015 bis 2016 dauerte. Sie war nicht ganz ohne Turbulenzen, in Summe jedenfalls kam der MSCI World Airlines Index trotz steter Aufs und Abs nicht voran. Erst im September 2016, vor gut einem Jahr also, drehte der Kurs der internationalen Luftfahrtaktien wieder deutlich nach oben. Die Preise der Wertpapiere zogen so stark an, dass die Luftfahrtbranche den breit aufgestellten Index FTSE 100 weit hinter sich ließ, obwohl der ebenfalls gut lief. Das ließ nun viele Langfristanleger hoffen. Ob sich der Wind in der Branche also wohl wieder gedreht hat?

Enttäuschender Jahresanfang

Nicht ganz so positiv gestimmt war da zuletzt noch die internationale Luftfahrtvereinigung IATA. Sie vermeldete nach einem – auch aus Anlegersicht – enttäuschenden ersten Quartal 2017 in ihren regelmäßigen Berichten, die Gewinnmargen der Airlines hätten sich zuletzt im Vergleich zum Vorjahr halbiert. Der Kostendruck in der Branche sei weiterhin groß und es gäbe notorische Überkapazitäten am Markt. Zu viele Gesellschaften, zu viele Flugzeuge. Zermürbender Wettbewerb. Etliche Gesellschaften verdienten nicht einmal ihre Kapitalkosten, warnten Analysten jüngst. Das alles klang und klingt nun nicht gerade danach, als müsste unter den Aktionären der Fluggesellschaften zwingend der Optimismus ausbrechen.

Allerdings gab es auch gute Nachrichten, zum Beispiel diese: Die Wirtschaft läuft seit langer Zeit auf Hochtouren – und sie beflügelt in solchen Phasen gerade die Verkehrsunternehmen. Rund 16 Prozent mehr Passagiere als im Jahr zuvor konnten allein die europäischen Airlines auf ihren Kontinentalverbindungen vermelden. Global gesehen stieg das Passagieraufkommen um beachtliche 8 Prozent. Damit lag das Wachstum immerhin drei Prozentpunkte über dem langjährigen Durchschnitt. Zudem verlieh der sinkende Ölpreis den Airlines zusätzlichen Schub. Viele hatten in Zeiten hoher Kerosinpreise außerdem Absicherungsgeschäfte an den Märkten getätigt und dadurch zusätzliche Gewinne eingefahren. Darüber hinaus bemühen sich die Konzerne seit Jahren darum, ihre Strukturen zu verschlanken und Kosten zu sparen, wo sie nur können. Das alles macht sie nun allmählich wettbewerbsfähiger

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Ryanair und Easyjet als Gewinner

Die Konsolidierung im Luftverkehr ist also im vollen Gange, das zeigt auch das jetzige Ende von Air Berlin. So gesehen ist die Hoffnung nicht unberechtigt, dass es trotz – oder gerade wegen – der Insolvenz nun für andere Konkurrenten nach oben geht. Doch welche Wettbewerber wird das Ausscheiden der Berliner beflügeln? Und wie stark? Was ist mit den europäischen Konkurrenten Lufthansa, Easyjet und Ryanair? Seit der Meldung vom Ende der Air Berlin haben vor allem die Kurse der Lufthansa aber auch von Easyjet zugelegt. Lufthansa stieg von rund 19,80 Euro auf 20,66 Euro. Für sie ging es auf Wochensicht besonders steil aufwärts. Easyjet legte nicht ganz so stark zu, aber immerhin auch von 1277 britischen Pfund auf über 1300 Pfund. Bei Ryanair ist noch etwas unklar, wohin es gehen soll. Zuerst machte die Aktie einen Satz nach oben, drehte dann aber wieder gehörig in die Gegenrichtung. Derzeit ist ihr Kurs mit 18,90 Euro unwesentlich höher als vor Bekanntwerden des Air Berlin Endes.

Dabei sehen einige Analysten gerade Ryanair als großen Gewinner. Ebenso wie Easyjet übrigens. Denn vor allem die übrigen Billigfluglinien würden davon profitieren, wenn es bald einen Konkurrenten weniger gäbe. Sie beackern schließlich dasselbe Feld, von dem sich Air Berlin nun zurückzieht. Allerdings ist bei der britischen Easyjet angesichts des Brexit noch unklar, inwiefern sie sich in Europa weiter wird ausbreiten können und welche Kosten durch den Ausstieg Großbritanniens aus der EU wohl noch auf sie zukommen werden. Die irische Ryanair hat solche Probleme nicht und hatte ohnehin seit Langem eine Expansionsstrategie angepeilt – die könnte sie nun auch trefflich umsetzen.

In welchem Umfang dagegen die deutsche Lufthansa profitieren könnte, wenn Air Berlin abgewickelt wird, ist noch die große Frage. Wenn die Lufthansa es schafft, sich lukrative Teile herauszupicken, dann könnte sie ihren Platz am Markt verbessern, sagen Analysten. Sie könnte dann anstelle der Billigflieger in die Angebotslücke stoßen, die Air Berlin hinterlässt. Vor allem könnte sie dem Vorstoß von Ryanair dann Contra bieten. Doch wehe, sie übernähme zu große Teile des maroden Unternehmens, warnen eben jene Marktbeobachter auch. Das würde ihre Kosten in die Höhe treiben und die Wettbewerbsfähigkeit des Hochpreisanbieters nicht gerade steigern.

Ableitungen für die Anlagestrategie

Für Anleger ist daher die Frage: Wie dauerhaft wollen sie sich im Luftfahrtbereich engagieren? Wollen sie lediglich auf ein paar kurzfristige Gewinne spekulieren? Dann könnten alle drei Aktien momentan ein aussichtsreicher Kauf sein. Wenn auch noch Unsicherheiten mitschwingen. Langfristig gesehen sieht es schon ganz anders aus: Da hätte vor allem die Lufthansa mehr Auftrieb dringend nötig. Sie hat zwar auf Dreimonatssicht zwar 23 Prozent beim Kurs zugelegt und auf Jahressicht rasante 98 Prozent gewonnen. Über zehn Jahre gesehen aber dümpelt ihr Kurs noch auf demselben Niveau von 2007 herum. Damals wie heute lag er bei rund 20 Euro. Dass da allein die Air Berlin Abwicklung zu einem nennenswerten Anstieg auf Dauer führen wird, darf man bezweifeln. Es müsste schon noch einiges mehr bei Deutschlands Vorzeigeairline passieren, damit es dauerhaft wieder aufwärts geht.

In der Hinsicht scheinen die Aussichten bei Easyjet und Ryanair besser. Beide haben zumindest in der Vergangenheit mit kometenhaften Kursanstiegen für hohe Gewinne bei den Aktionären gesorgt: Easyjet hat seinen Kurs innerhalb von 10 Jahren um 168 Prozent gesteigert, Ryanair sogar um 285 Prozent, also um 28,5 Prozent pro Jahr. Geht man davon aus, dass Firmenchef O´Leary so aggressiv bleibt, wie er ist, könnte man durchaus den Kauf der Einzelaktie wagen. Wer es etwas vorsichtiger mag und die Turbulenzen einzelner Unternehmen etwas mehr abgefedert wissen möchte, der sollte besser auf den breiten Index setzen, den MSCI World Airlines Index etwa. Er legte in den vergangenen fünf Jahren immerhin auch 140 Prozent zu, also ebenfalls 28 Prozent pro Jahr. Auf Zehnjahressicht brachte er jedoch nur 2,3 Prozent Kursplus pro Jahr. Geht die Konsolidierung der Branche noch eine Weile weiter, hat er eine gute Chance, ebenfalls weiter zu steigen. Aber Vorsicht: Das nächste Luftloch kommt bestimmt. Wenn die Weltwirtschaft nicht mehr brummt wie bisher werden die Luftfahrtgesellschaften zu den ersten gehören, die einen Gang zurückschalten.

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