InterviewAndreas Lindner von Allianz Leben: „Druck ist wichtig“

Andreas Lindner
Andreas Lindner ist Chefanleger der Allianz Leben. Im Interview mit Capital erklärt er die Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns.

Herr Lindner, die Allianz hat sich früh als nachhaltig positioniert, aber keine grüne Rente im Angebot. Welche Rentenversicherung empfehlen Sie einem Kunden, der nachhaltig ­investieren will?

Wir haben uns gegen eine spezielle nachhaltige Produktlinie entschieden. Ich kann all unsere Produkte empfehlen.

Das müssen Sie erklären: Warum hat ausgerechnet die Allianz keine nachhaltige Produktlinie, obwohl sich Ihr Unternehmen so gern als nachhaltig inszeniert?

Wir glauben daran, dass wir mit dem Geld unserer Kunden Veränderungen herbeiführen können. Es gilt: Je mehr Geld Sie auf die Waage bringen, desto mehr Einfluss haben Sie. Deshalb ist uns wichtig, dass wir nachhaltig anlegen und alle ­unsere Produkte unsere ambitionierten Nachhaltigkeitsstandards erfüllen.

Neben Geschäften, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder Gewinns mit Kohle erzielen, schließen Sie nur geächtete Waffen und Nahrungsmittelspekulationen aus. Wie viele Unternehmen und Staaten betrifft das überhaupt?

Allein durch unsere Ausschlusskriterien wird unser Anlageuniversum nur um ein Prozent kleiner, 99 Prozent bleiben also investierbar.

Ihre Nachhaltigkeitsausschlüsse tun Ihnen also gar nicht weh …

Nur mit Ausschlüssen erreichen Sie keine Veränderung, sie sind daher für uns die Ultima Ratio wie beispielsweise bei Kohleinvestitionen. Da werden wir die Umsatzschwelle bis 2040 in Fünf-Prozent-Schritten auf null senken, um mitzuhelfen, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Man muss den Unternehmen eine Chance geben, sich anzupassen. Statt Ausschlüssen stellen wir uns die Frage: Sind Unternehmen in der Lage, ihr Geschäftsmodell so umzubauen, dass sie CO₂-neutral arbeiten können?

Wieso investieren Sie dann in ­andere fossile Brennstoffe, etwa in die Ölbranche?

Die Frage ist berechtigt, und wir führen intern eine Diskussion, die noch nicht abgeschlossen ist.

Was bringt Nachhaltigkeit Ihnen, außer dass Sie sich ein grünes ­Label anheften können?

Nachhaltigkeit hat für uns nichts mit Marketing zu tun, sondern zum einen mit gesellschaftlicher Verantwortung. Zum anderen bietet uns Nachhaltigkeit als langfristiger ­Anleger die Chance, Risiken von ­Investments besser einzuschätzen. Schließt bei uns ein 30-Jähriger einen Vertrag ab, bleibt er 60 oder 70 Jahre unser Kunde. Unsere Investitionen müssen also zukunftsfähig sein. Das heißt, wir müssen darauf achten, nicht in eine Industrie zu investieren, die es in zehn oder 20 Jahren nicht mehr gibt, weil sie nicht CO₂-neutral werden kann. Ökonomie und Ökologie gehen daher für uns gut zusammen, sie sind kein Widerspruch.

Sie legen nach ESG-Kriterien an – bewerten also Investments nach Ökologie, guter Unter­nehmensführung und sozialen Aspekten wie Arbeitsstandards. Aber was ist mit sozialen Standards, wenn Sie nicht einmal ­Kinderarbeit ausschließen?

Wir prüfen jeden Vorwurf, sprechen mit den Unternehmen und verzichten teilweise auf das Geschäft. Aber bei Kinderarbeit ist es schwierig, verlässliche Informationen zu erhalten. Wenn ein Unternehmen schlecht bewertet ist, bedeutet das nicht automatisch, dass es nicht nachhaltig ist. Womöglich liegen nicht alle Informationen vor, dann müssen Sie tiefer in die Analyse und in einen Dialog einsteigen. Wenn Sie Veränderungen bewirken wollen­, müssen Sie ohnehin mit Unter­nehmen sprechen, das ist der Kern unserer Nachhaltigkeitsstrategie.

Machen Sie denn auch Druck und drohen, Ihr Geld abzuziehen?

Im Idealfall sagt ein Unternehmen: Wir sehen das Problem und ändern das. Aber oftmals ist Druck wichtig­. Wenn jemand nichts ändern will, muss ich am Ende bereit sein, die Konsequenz zu ziehen, und den ­Titel verkaufen.

Haben Sie denn schon mal Konsequenzen gezogen und verkauft?

Ja, wir sind kurz davor. Wir haben im Februar Gespräche mit 22 Unternehmen begonnen, bei denen die Nachhaltigkeitswerte nicht unseren Erwartungen entsprechen. Drei Unternehmen haben sich bisher einem Dialog verweigert. Jetzt sind wir kurz davor, abzubrechen und die Papiere zu verkaufen. Bei allen­ ­anderen sehen wir aber positive Veränderungen.

Wer sind die Verweigerer?

Haben Sie bitte Verständnis, dass wir keine Namen nennen.

Diese Gespräche sind aber nicht sehr transparent. Glauben Sie, Ihre Kunden kaufen Ihnen trotzdem ab, dass Sie sich für Nachhaltigkeit engagieren?

Viele Kunden verbinden das Thema Nachhaltigkeit leider noch nicht mit Finanzprodukten. Nachhaltigkeit heißt für viele, dass sie im Bioladen einkaufen. Aber die Menschen erkennen immer häufiger, dass sie mit ihrem Geld, das sie großen Investoren anvertrauen, einen enormen Hebel auf Unter­nehmen und Staaten erzeugen ­können, um die Welt nachhaltiger zu machen. Diese Verbindung ist zwar zunächst schwierig. Erklärt man sie den Menschen, sagen die: Ach ja, klar!

Trotzdem ist schwer verständlich, dass die deutsche Allianz zwar Investments in Atomkraft ausschließt, die französische ­Allianz – die das Thema weniger kritisch sieht – aber nicht.

Zunächst: Wir schließen Atomkraft nicht per se aus. Als internatio­nales Unternehmen müssen Sie auf eine andere Ebene kommen: Es geht nicht um die Frage, ob Atomkraft­ gut oder schlecht ist – sondern wie die Unternehmen mit Risiken­ wie der Entsorgung von Atommüll ­umgehen. Das ist ein Maßstab, nach dem Sie bewerten können. Wir müssen weg von der Ideologie und darauf schauen, wie eine Industrie mit den Problemen umgeht.

Letztlich geht es also wieder um die Risiken?

Ja, aber wir wollen auch etwas ­verändern.

Wie halten Sie es denn privat: ­Legen Sie nachhaltig an?

Sie würden erschrecken, wenn Sie wüssten, wie wenig Leute in der Finanzbranche Lust haben, sich außerhalb der Arbeit um ihr Geld zu kümmern.

Genau deshalb fragen wir ja!

Ich lege unter anderem nachhaltig an, weil ich den größten Teil meines Geldes in meine Kinder und in mein Haus investiere.