AktienZahlenmagie am Aktienmarkt

Nun ist es nicht so, als wären deutsche Aktienanleger ängstlich gewesen in letzter Zeit. Im Gegenteil: Sie haben sich wieder etwas stärker an den Märkten engagiert und ihr Geld in Aktien und Fonds geschichtet. Rund neun Millionen Bundesbürger sind auf direktem Wege Aktionäre, weil sie Einzelaktien halten – oder auch auf indirektem Wege, weil sie in Fonds investieren. Und das Fondsvermögen wächst: Zuletzt schichteten die Anleger wieder rund 5 Mrd. Euro in Publikumsfonds. Insgesamt 1,9 Billionen Euro liegen inzwischen bei den Verwahrstellen. Das alles spricht dafür, dass deutsche Anleger an den weiteren Anstieg der Kurse glauben.

Doch als Superoptimisten kann sie dennoch nicht bezeichnen. Denn obwohl die Kurse steigen und steigen – und der Dax vergangene Woche endlich mit größerem Elan nicht nur auf die 12.000 Punkte zumarschierte, sondern auch locker über sie hinaus, werden schon wieder viele warnende Stimmen laut: Vorsicht, das wird das Ende der Fahnenstange sein! Dass die magische Marke von 12.000 Dax-Punkten geknackt ist, dient vielen als Alarmzeichen dafür, dass es nun bald wieder abwärts geht. Denn höher stand der Dax noch nie. Aber kann das wirklich ein Grund sein?

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Gut, manchmal gibt es Warnzeichen, die man nicht außer Acht lassen sollte: Schon eine längere Zeit konnte man dem Anstieg des Dax von Rekord zu Rekord zusehen, doch im Bereich von 11.900 Punkten trat er plötzlich eine Weile auf der Stelle. So als scheue er sich, die magische Marke von 12.000 wirklich zu durchbrechen. Dann aber war er in den ersten zweieinhalb Monaten des Jahres um gut 20 Prozent gestiegen. Und damit viel stärker als im Jahr zuvor, wo er nur um einen einstelligen Prozentsatz im Gesamtjahr zulegte. Das lange Zögern, der flotte Anstieg – das alles signalisiere nun, dass die Situation besonders sei. Vorsicht sei also geboten, zumal man nicht wisse, was der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi als nächstes tue und ob er den Aktienmarkt weiter mit seiner Lockerungspolitik anheizen werde. Der gesamte Bullenmarkt halte ja insgesamt schon sehr lange an, sechs Jahre nämlich und damit eine ungewöhnlich lange Zeit.

Sechs Jahre? Moment, werden aufmerksame Aktienmarktbeobachter nun denken: Es sind doch schon acht Jahre, die der derzeitige Aufschwung hält. Stimmt genau, die vorhergehende Warnung vorm Dax an der Schwelle zu 12.000 Punkten stammt nämlich aus dem Jahr 2015. Weil die Situation damals aber der heutigen so sehr ähnelt, sogar bis auf den Punktestand des Dax, sei die Warnung von damals hier auch zitiert. Sie belegt nämlich zweierlei: Erstens, dass die Bedenken der Anleger nicht ungewöhnlich sind. Sondern sie sind eher ganz normal. Man könnte sagen: Sie tauchen an bestimmten Stellen immer wieder auf. Zweitens kann man aus dem Rückblick lernen, wie man am besten mit dieser Situation der Unsicherheit umgehen kann.

Anleger orientieren sich an runden Zahlen

An welchen Stellen tauchen die Bedenken nun klassischerweise auf und warum sind sie völlig normal? Der auslösende Punkt dafür ist in diesem Fall die 12.000-Punkte-Marke. Es könnte aber genauso gut die 10.000er Marke sein oder die magische 8000, beide Dax-Stände lösten bereits in der Vergangenheit ähnlich große Anlegerfurcht und Kaufzurückhaltung bei den Börsianern aus. Das dauerhafte Überspringen der 8000er-Marke kostete den Aktienindex rückblickend drei große Anläufe und mehr als zehn Jahre. Das Entscheidende ist nämlich: Es ist eine runde Zahl und sie markiert zugleich noch ein Allzeithoch des deutschen Börsenindex.

Beides löst nun bei Anlegern Ängste aus, die Verhaltensökonomen so erklären: Der Mensch liebt gerade Zahlen und zwar ungleich mehr als krumme. Mit ihnen kann er leichter rechnen und er kann sich leichter vorstellen, welcher Wert hinter ihnen steckt. Deswegen hängt er so an ihnen. Obwohl es also ökonomisch und statistisch völlig irrational ist, überbewerten wir die runden Summen – und würden stets gerne an ihnen festhalten. Das ist auch der Grund, weswegen Börsenindizes oft lange um diese magischen Marken herum mäandern, ohne sie dauerhaft zu überspringen.

Markieren sie dann noch ein langjähriges Börsenhoch, so kommt noch der sogenannte All-Time-High-Bias hinzu: Dann rufen sich nämlich die Anleger ins Gedächtnis, dass ein Erklimmen dieses Punktestands bedeutet, dass man sich danach in bisher noch nie gekannte Höhen begeben würde. Genau das macht vielen Angst, Höhenangst sozusagen. Es ist die Furcht vor dem Unbekannten, das Gefühl, dass ein weiterer Anstieg über diesen langjährigen Rekord hinaus doch sehr unwahrscheinlich ist, gepaart mit der scheinbaren Gewissheit, dass es schließlich nicht ewig so weitergehen kann – nach oben. Es muss also ein Absturz folgen und wann, wenn nicht jetzt?