Dax-Aufsteiger5 Fragen zu Wirecard

Der noch junge Finanzdienstleister Wirecard ersetzt die Commerzbank im Dax
Der noch junge Finanzdienstleister Wirecard ersetzt die Commerzbank im Daxdpa

#1 Was macht Wirecard eigentlich genau?

Wirecard agiert vor allem als sogenannter Acquirer. Weil sich Unternehmen am liebsten auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und sich nicht mit Fragen der Solvenz oder der Gültigkeit des vom Kunden gezückten Zahlungsmittels auseinandersetzen wollen, greifen sie gerne auf die Leistungen eines Acquirers zurück. Der stellt ihnen in Aussicht, den Betrag abzüglich einer Gebühr gutzuschreiben, den ein Kunde für ein Produkt oder eine Dienstleistung schuldig ist. Anschließend kümmert sich der Acquirer dann selbst um die Abwicklung und läuft dem Geld des Kunden über dessen Bank und Kartenanbieter notfalls hinterher.

Vorteil für den Händler: Er hat wenig Aufwand und trägt kein Risiko. Vorteil für den Acquirer: Kann er das Risiko der Transaktion richtig abschätzen – etwa, ob ein falsches, ungedecktes, geklautes Zahlungsmittel zum Einsatz kommt – kann er aus der Differenz zwischen seiner einbehaltenen Gebühr und seinen tatsächlichen Zahlungsausfällen einen Gewinn schöpfen. Und den ganzen Vorgang in Ruhe abwickeln.

Dieses Geschäft ist keineswegs neu. Neu sind, erstens, die enormen Wachstumsraten, die der elektronische Zahlungsverkehr zwischen Unternehmen und Endkunden in den vergangenen 15 bis 20 Jahren durch die Digitalisierung erfahren hat und, zweitens, die steigende Zahl von Bezahlmöglichkeiten. Beides stellt hohe Anforderungen an Technologie und Geschwindigkeit. Die Entscheidung, ob die Transaktion zustande kommt, benötigt zunächst nur Bruchteile von Sekunden im Moment des Zahlungsvorgangs. Schließlich wollen Händler und Acquirer verhindern, dass der Kauf- und Bezahlprozess abgebrochen wird.

Am einfachsten kann man sich die neue Welt des elektronischen Bezahlens anhand eines simplen Produkts wie einer Modelleisenbahn bei einem großstädtischen Spielzeughändler vorstellen. Früher verkaufte dieser Modelleisenbahnen nur in seinem Geschäft oder bestenfalls über einen Katalog per Rechnung oder Vorabüberweisung. Meist übernahm die Hausbank die Abwicklung.

Heute verkauft der Händler Modelleisenbahnen immer noch in seinem Geschäft, er muss dort aber, um wettbewerbsfähig zu bleiben, auch die Zahlung per EC-Karte oder Kreditkarte an kleinen Terminals an der Kasse anbieten. Das gleiche gilt für den inzwischen oft unverzichtbaren Vertriebsweg per Internet, wo sich ebenfalls ein Strauß an Bezahlmöglichkeiten eröffnet: Lastschrift, Rechnung, Kreditkarte, Paypal, Sofortüberweisung. Womöglich gibt ein Kunde Bezahldaten auch telefonisch durch. Je weniger Arbeit der Händler damit hat, desto besser. Dafür nimmt er womöglich lieber den sicheren Erlös von 190 Euro für eine Eisenbahn, die er dem Kunden für 200 Euro verkauft. Die Differenz dient dem Acquirer als Sicherheit, aus der er am Ende seine Marge schöpfen kann. Und: Das gleiche gilt in weit größerem Maßstab auch für andere Produkte etwa Flugtickets, Urlaubsreisen, Laptops und so weiter.

Klingt trivial? Ist es aber nicht. Denn das Wachstum des elektronischen Zahlungsverkehrs ermöglicht natürlich auch vielfältige Betrugsmöglichkeiten, die die Akteure erkennen müssen. Früher mussten Betrüger schon eine Kreditkarte physisch entwenden oder duplizieren, um damit Schaden anzurichten. Heute genügt bereits die Kenntnis einer gültigen Kreditkartennummer, um auf digitale Shoppingtour zu gehen. Zudem können Transaktionen stets auch wieder abgebrochen, elektronisch bezahlte Flugtickets wieder storniert werden – und die Transaktion muss rückabgewickelt werden.

#2 Was macht die Erfolgsgeschichte von Wirecard aus, die das relativ unbekannte Unternehmen nun bis in den Dax geführt hat?

In einem Satz: Wirecard hat mit dem Acquiring und der Prozessabwicklung von Zahlungsvorgängen seit der eigentlichen Gründung des Konzerns im Jahr 2002 ein Geschäftsfeld besetzt, das nicht zum Kerngeschäft deutscher Banken gehörte. Es wurde überwiegend an Beteiligungen und Tochtergesellschaften ausgelagert.

Wirecard ist ein Profiteur des Wachstums beim Internethandel zwischen Unternehmen und Endkunden sowie der elektronischen Zahlungsabwicklung. Weltweit werden sich die Umsätze im Internethandel mit Endverbrauchern in diesem Jahr auf rund 2000 Mrd. Euro summieren. Sie haben sich binnen eines Jahrzehnts vervierfacht, in Deutschland verdreifacht.

Ferner steigt auch die Nutzung von elektronischen Zahlungsmitteln im Handel. Gemessen an den Transaktionen entfällt nach einer Studie der Bundesbank bereits gut ein Viertel und gemessen am Umsatz über die Hälfte aller Transaktionen von Verbrauchern in Deutschland auf bargeldlose Zahlungen. 97 Prozent der Deutschen haben eine klassische Debit-Karte, 36 Prozent eine Kreditkarte. Weiteres Wachstum für die bargeldlose Abwicklung von Käufen im stationären Handel verspricht das kontaktlose Bezahlen, für das mehr und mehr Kredit-, Debitkarten und mittlerweile auch Smartphones zum Einsatz kommen.

All dies beflügelt Wirecard, das alleine im ersten Halbjahr Geschäfte im Volumen von 56 Mrd. Euro abgewickelt hat. Der Konzernumsatz betrug im letzten Jahr rund 1,5 Mrd. Euro, bis 2020 soll er auf 3 Mrd. Euro steigen bei zugleich höheren Margen.