• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Kommentar

Bundesliga – vom Aussterben bedroht?

, Jörn Quitzau

Spiele fast ohne TV-Zuschauer lassen aufhorchen. Teams ohne große Fan-Basis könnten zu einer Gefahr für die Liga werden. Von Jörn Quitzau

Bundesliga © Getty Images
Neues Geld vs. Tradition: Wenn Wolfsburg nicht gerade gegen Bayern spielt, schalten viele ab

Was für eine Schlagzeile: „Keine Sky-Zuschauer bei Augsburg vs. Darmstadt“ – meldete diese Woche das Magazin Sponsors in seinem Online-Auftritt. Nach der üblichen Darstellung der Zuschauerzahlen in Millionen mit zwei Nachkommastellen, kam die Begegnung zwischen Augsburg und Darmstadt beim Bezahlsender Sky am vergangenen Spieltag tatsächlich auf eine Zuschauerzahl von 0,00. Man spricht in diesem Fall auch von einem Spiel „ohne messbare TV-Quote“. Fairerweise muss man dazu sagen, dass dies immer dann der Fall ist, wenn weniger als 5.000 Zuschauer das Spiel einschalten – faktisch gibt es also einige Zuschauer. Die Zahl ist jedoch verschwindend gering, denn für die Spiele am vergangenen Samstagnachmittag versammelten sich insgesamt stattliche 1,57 Millionen Zuschauer vor den Sky-Bildschirmen.

Kapital vs. Tradition

Jörn Quitzau
Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de

Das Einzelspiel mit der höchsten Zuschauerzahl, Werder Bremen vs. Bayern München, kam auf 410.000 Zuschauer – nach obiger Lesart also auf 0,41 Millionen. Die meisten Zuschauer hatte am vergangenen Wochenende mit 830.000 aber die Konferenz aus allen fünf Nachmittagsspielen. Wenn ein Spiel von nicht einmal 5.000 Fans eingeschaltet wird, ist dies also durchaus bemerkenswert. Schon am vierten Spieltag dieser Saison gab es zwei Begegnungen mit 0,00 Millionen Sky-Zuschauern: Bayer Leverkusen vs. Darmstadt sowie Ingolstadt vs. Wolfsburg. Apropos Wolfsburg: Der DFB-Pokalsieger und Vizemeister 2015 aus Wolfsburg hat nicht nur Schwierigkeiten, das Sky-Publikum für sich zu begeistern. Der VfL sorgt auch für Schlagzeilen, weil es ihm schwerfällt, das eigene Stadion bei Champions-League-Heimspielen zu füllen. Bei einer Zuschauerkapazität von gerade einmal 26.000 – stell Dir vor es ist Champions League und keiner geht hin.

Solche Geschichten sind Wasser auf die Mühlen jener, die den wachsenden Einfluss des Geldes verteufeln und denen sogenannte Werksmannschaften wie der VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen ein Dorn im Auge sind. Die genannten TV-Zahlen zeigen, dass es inzwischen wirklich eine potenziell gefährliche Schieflage gibt. Je mehr Mannschaften in der Bundesliga spielen, denen es an einer ausreichend großen Fan-Basis mangelt, umso größer ist die Gefahr, dass der Bundesliga doch irgendwann die Zuschauer ausgehen können. Traditionsvereine mobilisieren jedenfalls sogar dann Zuschauer in Scharen, wenn der eigene Klub gegen den Abstieg spielt.

Marktwirtschaft oder Kapitalismus?

Man muss übrigens kein Wirtschaftsfeind sein, um Vorbehalte gegen den zunehmenden Einfluss fußballfremder Geldgeber zu haben. In einer Marktwirtschaft ist es prinzipiell üblich, dass nur das produziert wird, was die Konsumenten (hier: die Fans) wünschen. Marktwirtschaft ist im Grundsatz ein Vehikel, um möglichst viele Menschen glücklich zu machen. Überzeugte Anhänger der Marktwirtschaft würden dementsprechend argumentieren, dass sich der Fußball letztlich so entwickeln wird, wie es sich die Fans wünschen, denn sie lenken mit ihren Ausgaben den Fußball. Und genau hier liegt das Problem: Der Einfluss der Fans wird unterhöhlt, wenn das, was sie für den Fußball ausgeben, im Vergleich zu den Ausgaben der Investoren, Mäzene und Konzerne keine große Rolle mehr spielt. Der Fußball wird dann nicht mehr von den Ausgaben der Fan-Massen gesteuert, sondern nur noch von einigen wenigen Geldgebern. Das ist nicht mehr Marktwirtschaft, das ist Kapitalismus.

Wenn ein Markt wirklich nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren soll, braucht er eine Regulierung, die vor allem das Entstehen von Monopolen verhindert. Dazu gehört zum Beispiel die Verteilung der Fernsehgelder, die verhindern soll, dass reiche Klubs immer reicher werden, sodass die Geld-schießt-Tore-Spirale durchbrochen wird. Der gegenwärtige Verteilungsschlüssel bewirkt allerdings das Gegenteil und begünstigt die Klubs, die dank potenter Geldgeber in den letzten Jahren sportlich erfolgreich waren. Mit Blick auf die eingangs genannten TV-Zuschauerzahlen ist umso mehr zu verstehen, wenn einige Traditionsvereine für sich mehr Geld aus dem Fernsehtopf fordern.

Eines zeigen die Zuschauerzahlen bei Sky aber auch: Das Gemeinschaftsprodukt Bundesliga ist mehr als nur die Summe der einzelnen Mannschaften. Wenn mehr als 50 % der Sky-Zuschauer die Konferenz den einzelnen Partien bevorzugen, dann spricht dies auch für die Attraktivität der Liga insgesamt. Ein System-Kollaps liegt also in weiter Ferne. Doch über gute Regulierung sollte man nicht erst dann nachdenken, wenn das System zu scheitern droht.


Artikel zum Thema
Autor
  • Kolumne
Fussball-Markt: Folgt dem Höhenflug der Absturz?

Bisher ist der Fußball immun gegen Krisen. Doch die Absturzgefahr ist sein ständiger Begleiter. Von Jörn QuitzauMEHR

  • Kommentar
Inflation am Fussball-Markt

Die Ablösesummen auf dem Transfermarkt steigen ins Unermessliche. Jetzt kommt sogar Kritik aus dem Fußball-Lager selbst. Von Jörn QuitzauMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.