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  • Gastkommentar

Aufstand an den deutschen Unis

, Benedikt Weihmayr

Das Ökonomie-Studium verläuft in eingefahrenen Bahnen. Es fehlt die Vielfalt der Theorien und Methoden. Von Benedikt Weihmayr

Hörsaal
Vorlesung im Hörsaal: Wird nur noch der Mainstream bedient?

Die Finanzkrise hat die Wirtschaftswissenschaften durchgeschüttelt. Zu realitätsfern seien ihre Modelle, lautet der gängige Vorwurf. Der Streit hat längst die deutschen Hörsäle erreicht. Erst im Mai starteten 40 Studentengruppen aus verschiedenen Ländern einen Aufruf, in dem sie die "Einseitigkeit der Lehre" anprangerten. Darunter auch das deutsche Netzwerk Plurale Ökonomik. Deren Aktivist Benedikt Weihmayr erklärt hier auf capital.de seine Kritik.

Ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Im ersten Semester: Ökonomische Theorien. Was haben Smith, Ricardo und Marx, Jevons, Walras und Marshall, Schumpeter, Hayek und Mises, Keynes, Samuelson und Minsky, Friedman, Lucas und Mankiw gesagt und gedacht? Wissenschaftliches Arbeiten. Wie recherchiere ich nach wissenschaftlicher Literatur, wie strukturiere ich eine Hausarbeit, was ist ein Modell und was eine Theorie? Methodenlehre. Wie sammle ich Daten, wie werte ich Statistiken aus und wie führe ich ein Interview mit einem Experten? Volkswirtschaftliche Grundlagen. Wie funktioniert eine Bank, wer trifft wirtschaftspolitische Entscheidungen und wie groß ist welcher Sektor? Zwei Veranstaltungen als Seminare, in dem einen wird ein Referat gehalten, das andere mit einer Hausarbeit abgeschlossen, und die anderen beiden als Vorlesung mit Klausur. Eigentlich ein ziemlich intuitiver Ansatz - Studierende werden in die Breite und Schönheit der Volkswirtschaftslehre eingeführt.

Benedikt Weihmayr
Benedikt Weihmayr

Doch die Realität sieht anders aus. Viele dieser Themen kommen in den meisten Studiengängen, egal ob Bachelor oder Master, überhaupt nicht vor. Wer sich mit Theorien abseits des Mainstreams beschäftigen möchte, muss das aus eigenem Antrieb tun. Selbst die zum Teil regen Debatten innerhalb der neoklassischen Forschung werden im Studium nicht behandelt. Methodenlehre ist auf quantitative Ansätze und Modelle beschränkt und ihre Aussagekraft wird nicht kritisch geprüft. Statt in Hausarbeiten eigene Fragestellungen zu bearbeiten oder in Seminaren mit Kommilitonen zu diskutieren, werden die Inhalte in Vorlesungen vorgegeben, um sie in Prüfungen nachzubeten. Studierende werden auf diese Weise darauf getrimmt, einseitige Inhalte wiederzugeben, statt selbst Lösungen zu entwickeln.

Die Forderung nach Vielfalt ist nicht revolutionär, sondern eine Selbstverständlichkeit.

wir brauchen Pluralität

Gemeinsam mit Studierendeniniativen aus 30 anderen Ländern treten wir als Netzwerk Plurale Ökonomik für Pluralität in den Wirtschaftswissenschaften ein. In unserem Internationalen Aufruf vom 5. Mai fordern wir drei Formen des Pluralismus: Vielfalt der Theorien, unterschiedliche methodische Ansätze und Interdisziplinarität.

Theoretische Vielfalt heißt, dass im Studium neben den dominanten neoklassischen Ansätzen auch andere Perspektiven eingenommen werden. Zwar wurde die Verhaltensökonomik in einige Lehrpläne aufgenommen, aus unserer Sicht sollten jedoch die Lehren Schumpeters oder Hayeks ebenso wie diejenigen von Keynes, Marx oder Minsky in jedem Grundstudium behandelt werden.

Jede dieser Theorien hat ihren Geltungsbereich und ihre Stärken. Eine Theorie erklärt Innovation besonders gut, die andere die Bedeutung von Informationen auf Märkten, eine weitere Macht und Verteilung und wieder eine andere Wirtschafts- und Finanzkrisen. Hätten wir diese Vielfalt in Lehre und Forschung, gäbe es einen Wettbewerb um die besten Ideen und Lösungen. Die Ansätze würden sich gegenseitig befruchten und ergänzen. Pluralismus erweitert damit das wirtschaftspolitische Repertoire und hilft uns, wirtschaftliches Handeln besser zu verstehen.

wir brauchen Interdisziplinarität

Dazu trägt auch methodischer Pluralismus erheblich bei. Die neoklassische Tradition stellt den Nutzen unterschiedlicher Güter und Konsummengen gern in Graphen dar und drückt ihn in Funktionen aus. Das ist häufig eine gute Annäherung, wenn man beispielsweise die generelle Funktionsweise von Märkten verstehen möchte. Untersucht man jedoch Kultur, Identitäten oder die Entstehung von Märkten sind diese quantitativen Methoden viel weniger hilfreich. Dafür muss der Forscher zum Beispiel wissen, wie er ein Interview führt oder sich mit Archivdaten auseinandersetzt. Wenn man den Zusammenbruch einer Bank wie Lehman Brothers erforschen möchte - ein eindeutig wirtschaftswissenschaftliches Forschungsthema -, sollte man sich mit dem akademischen Hintergrund Ben Bernankes, der beruflichen Laufbahn Henry Paulsons oder dem Einfluss von Gesetzen und Verträgen auf das Verhalten an Finanzmärkten ebenso beschäftigen wie mit ökonometrischen Modellen.

Das Beispiel der Finanzmarktkrise macht deutlich, dass ökonomische Phänomene nur unzureichend verstanden werden, wenn man sie aus ihrem soziologischen, politischen, rechtlichen oder historischen Kontext reißt. Deshalb brauchen wir Interdisziplinarität. Sie dient nicht nur dem Erkenntnisgewinn, sondern sensibilisiert Studenten auch dafür, die sozialen Auswirkungen und ethischen Implikationen ökonomischer Entscheidungen zu verstehen.

Wirtschaftliche Themen durchdringen unseren Alltag. Vielfalt in der Volkswirtschaftslehre ist mehr als eine akademische Notwendigkeit. Pluralismus ist eine gesellschaftliche Frage.

Darum stehen wir aus akademischer Leidenschaft und gesellschaftlichem Bewusstsein auf und wenden uns gegen intellektuelle Monotonie. Wir fordern die Verfechter des Mainstreams, die stillen Kritiker der Neoklassik, Studierende, Politikmachende und Konzernlenker dazu auf, in die Diskussion einzusteigen. Die Krise der Wirtschaftswissenschaft ist ein gesellschaftliche Angelegenheit. Deswegen müssen wir sie gesellschaftlich angehen.


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