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Gute Energie, böse Energie

, Horst von Buttlar

Die Eon-Aufspaltung zeigt das gestörte Verhältnis der Deutschen zur Energiewende. Es gibt keine gute und keine böse Energie. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Horst von Buttlar

Wenn ich mit Menschen über die Energiewende spreche, muss ich immer öfter an diesen Sketch von Monty Python über die spanische Inquisition denken. Darin unterhalten sich zwei, und immer wenn die Wörter „spanische Inquisition“ fallen, rücken mit einem Tusch drei Kardinäle ein und rufen: „Nobody expects the Spanish Inquisition!“

Bei der Energiewende läuft das etwas anders. Immer wenn man darüber spricht, rückt vor meinem inneren Auge eine Gruppe von Politikern, Solar- und Dämmstofflobbyisten ins Zimmer, angeführt von Bärbel Höhn, und ruft: „Sie wollen doch nicht etwa die Energiewende infrage stellen?“

Nein, sagt man dann, natürlich nicht. Das ist ja unser Jahrhundertprojekt, auf das wir alle stolz sind, für das uns die Welt bewundert, weil wir die Welt damit retten, vor allem die Gletscher. Wobei die Trauer über sterbende Gletscher eine etwas kuriose Angelegenheit ist. Aber egal.

Was ich bei der Energiewende (Tusch!) oft vermisse, ist kritische Distanz, Hinterfragen, ja ich glaube sogar, dass solch ein Projekt auf Dauer besser läuft, wenn man es immer wieder ganz infrage stellt.

Symbol für eine deutsche Bewusstseinsspaltung

Als Eon am ersten Advent bekannt gab, sich aufzuspalten – in eine Art Bad Bank, in der vor allem die alte, fossile Energie gebündelt wird, und in ein neues Eon, in dem die saubere Energie betrieben wird – da waren alle überrascht. Es gab viel Applaus, wie zukunftsgewandt der Energieriese plötzlich ist. Sigmar Gabriel war so überrumpelt, dass er nur noch fordern konnte, dass dabei keine Arbeitsplätze verloren gehen dürfen. Wie soll das einem Konzern mit noch gut 60.000 Angestellten gelingen, dem das Geschäftsmodell durch eine politische Entscheidung zerstört wurde? Für mich zeigt dieser Notplan denn auch das Gegenteil: Er offenbart, welche Katastrophe sich auf dem Energiemarkt gerade abspielt und dass viele Deutsche gehörig etwas verdrängen.

Capital-Cover
Die neue Capital, am 20. November im Handel

Die Spaltung eines der deutschen Energiekonzerne ist ein Symbol für eine deutsche Bewusstseinsspaltung: Viele glauben, dass der alte, böse Teil von Eon, der dem Klima schadet (was bei Gas und Atom schon nicht stimmt), einfach verschwinden kann. Auf den guten, sauberen Teil malen wir eine Blume und freuen uns mit Bärbel Höhn auf eine grüne Zukunft. Das wird natürlich nicht funktionieren. Weil wir die Atommeiler völlig überhastet abschalten, brauchen wir Gas und Kohle. Weil wir mehr Kohle verbrennen, belasten wir das Klima mehr als geplant. Gas und Kohle aber lassen sich kaum mehr wirtschaftlich betreiben. All unsere Ziele passen irgendwie nicht zusammen, und so malen wir uns dieses Gut-böse-Schema.

Was natürlich naiv ist: Es gibt auf dem Energiemarkt keine guten und schlechten Unternehmen, keine böse „Atomlobby“ und gute „Solarlobby“ – es gibt schlicht: Lobbyisten. Wer einmal einen bösen Halbsatz über die Dämmstoffindustrie geschrieben hat, wird merken, dass die Dämmstofflobby eine sehr mächtige Organisation geworden ist.

Ich habe eine einfache Forderung: Wir sollten uns mehr Zeit nehmen für das Projekt. Und pragmatisch sein. Seit der Mensch das Feuer gezähmt hat, will er es warm und hell haben. Seit 30 Jahren wollen wir, dass Energie auch die Welt verbessert. Das ist keine so gute Idee.

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