Capital-History

Die großen BetrügerFrank Abagnale - der geniale Hochstapler

Ein Hochstapler müsse stets gut gekleidet sein, charmant auftreten und über Menschenkenntnis verfügen, erklärte Frank Abagnale (hier in einer Aufnahme vom Juni 1978) später einmal
Ein Hochstapler müsse stets gut gekleidet sein, charmant auftreten und über Menschenkenntnis verfügen, erklärte Frank Abagnale (hier in einer Aufnahme vom Juni 1978) später einmalGetty Images

Frank Abagnale hat es einfach, dieses gewisse Etwas. Diese spezielle Aura, diesen spitzbübischen Charme. Dabei ist er mittlerweile 68 Jahre alt. Seine Haare glänzen silbrig, die Augenbrauen sind dunkel und buschig, die Stirn hoch. Auf den ersten Blick ist Abagnale eher Biedermann als Beau. Ein irgendwie gemütlicher Typ. Niemand würde sich auf der Straße nach ihm umdrehen.

Als er aber etwa vor einer Weile bei einem Besuch in Deutschland in einem Frankfurter Nobelhotel eincheckt, passiert es wieder. „Sie heißen ja wie der Mann, den Leonardo DiCaprio im Film gespielt hat“, sagt die junge Rezeptionistin und schaut vom Monitor auf. Die Blicke treffen sich. Abagnale sagt nichts, nickt verlegen, lächelt nur verschmitzt. Sie errötet leicht. „Oh mein Gott, Sie sind das wirklich, oder?“ Wahrscheinlich hätte er auch sagen können, er sei John F. Kennedy. Oder Elvis. Sie hätte es wahrscheinlich geglaubt.

Als Hochstapler und Trickbetrüger hatte Abagnale Ende der 60erJahre mehr als 2,5 Mio. Dollar ergaunert. Da war er noch ein Teenager. Er war der meistgesuchte Scheckfälscher der Welt. Eine Ermittlergruppe des FBI jagte ihn quer durch alle 50 US-Bundesstaaten. In 26 Ländern auf vier Kontinenten war er zur Fahndung ausgeschrieben. Als Co-Pilot reiste er um den Globus, arbeitete als Kinderarzt in einer Klinik, unterrichtete als Dozent Soziologie und assistierte einem Bezirksstaatsanwalt als angeblicher Harvard-Absolvent. Fünf Jahre trieb er sein Spiel. Dann wurde er verhaftet. Da war er gerade 21 Jahre alt.

Damals sagte der Polizeichef von Houston: „Frank Abagnale könnte einen Scheck aus Toilettenpapier fälschen, ausgestellt von der Notenbank der Konföderierten Staaten, ihn zeichnen mit ‚U. R. Hooked‘ und ihn bei jeder Bank der Stadt einlösen. Ausweisen würde er sich mit einem Führerschein aus Hongkong.“ Sinngemäß bedeutet „U. R. Hooked“ übrigens: Du wurdest verarscht.

Im Interview lacht Abagnale über die Anekdote von damals. „Manche Leute sagten, ich sei ein Genie. Aber ich war nur ein Kind. Das war mein Erfolgsgeheimnis. Ich hatte keine Angst, gefasst zu werden, ich war dreist. Wenn ich in eine Bank gegangen bin, um einen gefälschten Scheck einzulösen, habe ich nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Es war wie ein Spiel.“

Lob für Steven Spielberg

Abagnales Biografie ist eine Geschichte, die man nicht besser hätte erfinden können. Also verfilmte Hollywood sie einfach eins zu eins: Steven Spielberg setzte Abagnale 2002 mit „Catch Me If You Can“ ein Denkmal, Leonardo DiCaprio verlieh ihm ein Gesicht. Der Film sei sehr nah an der Realität, sagt Abagnale: „Spielberg hat einen guten Job gemacht.“ Ein wenig verdichtet, die Zeitebenen verschoben, aber nichts erfunden. Spielberg ließ sich von den FBI-Beamten beraten, die Abagnale früher gejagt hatten. Und wie fühlt es sich an, sein Leben auf der Leinwand zu sehen? „Großartig“, sagt er. Aber eigentlich habe sich dadurch fast nichts verändert. „Nur zwei Dinge: Zum einen bekomme ich mehr Geld für meine Vorträge. Und die Leute wollen ein Foto mit mir. Vorher habe ich jahrelang Vorträge gehalten, aber keiner wollte ein Foto.“

Frank Abagnale sieht sich als eine Art Gentlemanganoven, nicht als Verbrecher. Auf die schiefe Bahn geriet er mit 16 Jahren, aber eher durch Zufall. Seinen Eltern gibt er keine Schuld. Wenn überhaupt, dann seinem einzigen Laster: „Ich habe nie getrunken, keine Drogen genommen“, sagt Abagnale, „aber ich liebe Frauen.“ Und die seien teuer.

Als er 14 Jahre alt war, ließen seine Eltern sich scheiden. Als einziges von vier Kindern blieb er beim Vater, einem Kaufmann und Lokalpolitiker der Republikaner. Der schleppte ihn mit zu Geschäfts-treffen in Bars und Restaurants. Frank bewunderte die gut gekleideten Männer mit teuren Uhren und dicken Autos. Er studierte sie. Wie sie aßen, redeten, sich gerierten. Mit 15 bekam er dann sein erstes Auto, einen 1959er Ford.