GastkommentarEs muss nicht immer Facebook sein


Scott Abel ist Mitgründer und CEO der 2006 gegründeten IT-Community Spiceworks, die nach Angaben des Unternehmens von mehr als sechs Millionen IT-Profis genutzt wird. In Deutschland sollen es etwa 100.000 sein.


Wenn von Sozialen Netzwerken die Rede ist, denken die meisten Deutschen nach wie vor zuerst an Facebook. Das ist verständlich – schließlich handelt es sich um ein extrem erfolgreiches Netzwerk, das unsere Online-Kultur wie kein anderes geprägt hat. Doch ebendiese Kultur hat sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts kontinuierlich weiterentwickelt.

Die Nutzung sozialer Netzwerke besteht heute aus so viel mehr als einem „Like“ von Status-Updates oder dem ein oder anderen geposteten Familienfoto. Wenn man es richtig anstellt, kann man in den Netzwerken seinen nächsten Job finden, sich mit potenziellen Kunden vernetzen und taffe Fragen über tiefschürfende Branchenthemen beantworten. Branchennetzwerke haben diese „soziale Revolution“ vorangetrieben – und dabei einen Marktplatz an Möglichkeiten geschaffen.

Mehr als ein „Gefällt mir“

Netzwerke wie LinkedIn und Xing sind feste Größen in der Welt der Berufsnetzwerke. Doch in den vergangenen Jahren hat sich dieses spezielle Segment des Social Web in diverse Branchen ausgeweitet: Da gibt es die Berufsnetzwerke Edmodo für Lehrer, Doximity für Mediziner, ResearchGate für Wissenschaftler und Spiceworks für IT-Profis. Firmen nutzen diese Communities heute, um sich mit ihrer Zielgruppe zu vernetzen; Millionen von Branchenkollegen tauschen sich miteinander aus, um neue Ideen zu entwickeln und miteinander zu teilen.

Der Wert und das monetäre Potenzial solcher Netzwerke liegen auf der Hand bei Branchen, in denen Hersteller und Händler jährlich hohe Milliardenbeträge umsetzen. So überrascht es nicht, dass in Amerika Investoren wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, T. Rowe Price, Sequoia, Andreessen Horowitz und Tenaya Capital Millionen von Dollar in die diversen Communities und ihre Weiterentwicklung investieren.

Der Erfolg der Netzwerke liegt zum einen in der Art der Informationen, die in ihnen geteilt werden, zum anderen in der täglichen Zusammenarbeit zwischen ihren Nutzern. Sie stellen einen digitalen Treffpunkt für Berufstätige dar, an dem sie sich offen und ehrlich austauschen können. Gleichzeitig bieten sie auch Werkzeuge und Ressourcen an, mit deren Hilfe die Branchen- oder Berufsexperten ihre Arbeit erledigen können.

Hohe Mitgliederzahlen

Welchen Mehrwert bringen diese Branchennetzwerke ihren Nutzern nun genau? Man stelle sich ein mittelständisches Unternehmen vor, beispielsweise eine ansässige Arztpraxis. Diese Praxis leistet sich wahrscheinlich maximal einen IT-Mitarbeiter, der die Funktionsbereitschaft aller Computer sowie die gesamte Daten- und Informationssicherheit verantwortet. Ein harter Job. Wenn diese Person nun ein Werkzeug hätte, mit dem sie all ihre Aufgaben auf einfache Weise handhaben könnte und zugleich andere Experten wie sie selbst um Rat bitten könnte bei all den Fragen, die ihr in der täglichen Arbeit begegnen? Plötzlich profitiert die kleine, vielleicht überforderte „IT-Abteilung“ von der Macht der Masse.

Solche Communities sind auch für Firmen interessant, die ihre potenziellen Kunden erreichen wollen. Weil viele Arbeitnehmer die Seiten nutzen, um sich untereinander zu vernetzen und Branchentrends zu diskutieren, können sich auch Unternehmen in die Diskussion einklinken. Sie können die (öffentlichen) Unterhaltungen verfolgen, ihre Zielgruppe ansprechen und – wenn sie es richtig anstellen – die Online-Unterhaltungen in Vertriebschancen umwandeln. In Nordamerika und Europa haben die Branchen- und Berufsnetzwerke ihren Wert bewiesen. In Deutschland herrscht noch Nachholbedarf. Das heißt, hier liegen speziell für mittelständische Unternehmen noch große, ungenutzte Chancen.

Eine soziale Revolution

Den Großen unter den Netzwerken werden die Branchennetzwerke nicht den Rang ablaufen. Facebook, LinkedIn & Co. bedienen einen realen Bedarf und haben Millionen treuer Nutzer. Dennoch gibt es eine Webgemeinschaft, die bislang in ihren besonderen Bedürfnissen unterversorgt wurde: der überarbeitete IT-Typ, auf der Suche nach ein paar Technik-Tipps; der Arzt, der sich über ein Krankheitsbild austauschen will; der Wissenschaftler, der spannende Forschungsergebnisse diskutieren möchte; oder der Lehrer, der einen Rat zur Planung seiner nächsten Unterrichtsstunde sucht. An all diese Menschen richten sich die neuen, branchenorientierten Netzwerke. Sie entwirren das soziale Netz in der Hoffnung, den durchschnittlichen Arbeitstag verwandeln und das Leben der Arbeitnehmer ein klein wenig einfacher machen zu können.