KommentarDie Schatten der Asienkrise

Seit den 1980er-Jahren spielt der Internationale Währungsfonds beim Management von Finanzkrisen eine zentrale Rolle. Der IWF koordiniert die Bereitstellung von Finanzhilfen und vereinbart wirtschaftspolitische Reformen mit den Regierungen der Krisenländer. Dabei hat der Fonds allerdings seine Philosophie geändert: In der Asienkrise 1997/98 verhängte der IWF scharfe, die Krise verschärfende Auflagen. In der Krise in Europa von 2010 an zeigte sich der IWF hingegen als zahnloser Tiger. Diese nachsichtige Politik gegenüber den europäischen Krisenländern – insbesondere Griechenland – hat in Asien zu einem kritischen Rückblick geführt. Warum reagierte der IWF auf die Krise in Asien mit unangemessener Härte und zeigte zwölf Jahre später überraschende Milde und Nachsicht?

Heribert Dieter
Heribert Dieter forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und ist Gastprofessor für internationale politische Ökonomie an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen am Bodensee

Eine wohlwollende Interpretation wäre, der Währungsfonds habe aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt und deshalb die harte Auflagenpolitik aufgegeben. Der IWF habe sich also weiterentwickelt: Nach dem gescheiterten Krisenmanagement in Asien wandelte sich der Fonds und bedachte die negativen Folgen weit reichender Anpassungsprogramme. Aber auch die neue Politik des IWF ist umstritten: Hat der weich gespülte Währungsfonds noch ein plausibles Konzept für seine Politik?

IWF als Brandbeschleuniger

Im Jahr 1997 traf die Asienkrise die Volkswirtschaften der Region aus heiterem Himmel. Jahrelang waren asiatische Ökonomien mit beachtlichen Wachstumsraten aufgefallen. Noch 1996, dem Jahr vor  Ausbruch der Krise, wuchsen die späteren Krisenökonomien mit realen Raten zwischen 5,7 Prozent (Philippinen) und 8,6 Prozent (Malaysia). Besonders positiv war die Lage der öffentlichen Haushalte. Indonesien, Malaysia und Thailand wiesen 1996 Budgetüberschüsse zwischen 1,4 Prozent des BIP (Indonesien) und 4,2 Prozent (Malaysia) auf. Die Ökonomien wiesen keine Strukturprobleme auf, sondern waren zeitweilig illiquide.

Der IWF interpretierte die Krise in Asien aber ganz anders. Der Fonds diagnostizierte einen gewaltigen Anpassungsbedarf und verschärfte mit seinen pessimistischen Analysen die Lage. Der damalige stellvertretende IWF-Chef und heutige Vizechef der amerikanischen Notenbank, Stanley Fischer, schürte die Skepsis der Finanzmärkte durch seine Bemerkung, die Asienkrise sei vorwiegend hausgemacht („mainly homegrown“). Damit wurde die Ansteckung anderer Ökonomien in der Region vom IWF sogar noch gefördert. Der IWF wirkte in der Asienkrise nicht als Feuerwehr, sondern als Brandbeschleuniger.

Kritik an Nachsicht mit Krisenländern

Doch nicht nur die volkswirtschaftliche Analyse des IWF war unzutreffend, sondern er verschrieb auch noch die falsche Medizin. Den asiatischen Volkswirtschaften wurden harte Strukturanpassungsprogramme verordnet, die die kurzfristigen Turbulenzen weiter verschärften. Volkswirtschaften mit solider Fiskalpolitik wurden zu Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen gezwungen. In Asien wurde und wird die Politik des IWF deshalb auch sehr kritisch gesehen. In Südkorea spricht man bis heute nicht von der Asien-, sondern von der IWF-Krise. Der Fonds und die maßgeblich dessen Politik prägenden Staaten, die USA und die Länder der EU, versagten in der Asienkrise.

Die Krisen in den USA und Europa haben die Verärgerung über den IWF die transatlantischen Mehrheitsgesellschafter erneut angefacht. Warum, so fragen sich viele Beobachter in Asien, zeigt der IWF so viel Nachsicht mit den europäischen Krisenökonomien? Anders als in Asien 1997 haben die heutigen Kunden des IWF, allen voran Griechenland, schwere Strukturprobleme. Hätte man die Richtlinien des Fonds       korrekt angewendet, hätte es 2010 niemals eine IWF-Beteiligung an der Rettungsaktion für Griechenland geben dürfen.

Verärgerung über Doppelzüngigkeit

Griechenland, oder genauer seinen Gläubigern, wurde geholfen, weil der damalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn weit reichende politische Ambitionen hatte und sich in seiner französischen Heimat als Retter einer strauchelnden europäischen Ökonomie präsentieren wollte. Die erste und wichtigste Regel – der IWF beteiligt sich nur dann an einem Programm, wenn hinreichende Aussicht auf das Erreichen eines tragfähigen Schuldenstandes besteht – wurde von Strauss-Kahn ausgehebelt. Selbst nach der im zweiten Griechenland-Paket vereinbarten Streichung eines Teils der Schulden beträgt die aktuelle öffentliche Verschuldung Griechenlands nach Angaben der OECD im Jahr 2014 mehr als 190 Prozent der Wirtschaftsleistung – und wird niemals vollständig zurückgezahlt werden können.

Diese Doppelzüngigkeit des IWF wird in den früheren Krisenländern Asiens mit anhaltender Verärgerung zur Kenntnis genommen. Besonders asiatische Beobachter vergleichen die beiden Krisen: Einerseits die harte Auflagenpolitik des IWF in Asien, und andererseits  anhaltendes Verständnis für die Verletzung von Auflagen in Griechenland bestätigen die Wahrnehmung des IWF als parteiische Institution. Die den Fonds prägenden Länder haben mit ihrer Politik nicht nur die Glaubwürdigkeit der Finanzinstitution, sondern auch die eigene Überzeugungskraft geschwächt. In den betroffenen asiatischen Ländern wurde das Vertrauen in die USA und die großen europäischen Staaten durch das IWF-Krisenmanagement schwer geschädigt. Die heutige inkonsequente Politik des IWF bestärkt die Einschätzung, dass der Fonds mit zweierlei Maß misst und keine Institution ist, der Entwicklungs- und Schwellenländer vorbehaltlos Vertrauen schenken sollten.

Damit hat das mangelhafte Krisenmanagement in der Asienkrise nicht nur dem IWF selbst, sondern auch der Idee der gemeinsamen Regulierung der Weltwirtschaft geschadet. „Global Economic Governance“ wurde in den 1990er Jahren als neues Konzept propagiert und steckt heute in einer schweren Krise. Der IWF hat sich geändert, aber die neue Politik des Fonds wird in früheren Krisenländern in Asien (und Lateinamerika) skeptisch verfolgt. Die Fehler der Vergangenheit lasten wie ein Mühlstein auf dem Internationalen Währungsfonds.

Mehr zur  Asienkrise in der 8. Folge unserer History-Serie in der aktuellen Capital. „Schiffbruch mit Tiger“: Wie der IWF den Absturz der asiatischen Tigerstaaten abmildern wollte, und alles noch viel schlimmer machte

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