KommentarDie Inflation wird zur Schlüsselfrage für die Märkte

Die höhere Inflation bereitet den Händlern an der New Yorker Börse zunehmend SorgenIMAGO / Xinhua

Wenn die Inflation das berühmte Gespenst ist, dann ist sie seit einiger Zeit wie Hui Buh, das Schlossgespenst: Es kehrt regelmäßig wieder (Hui Buh ist bekanntlich dazu verdammt, allnächtlich zwischen Mitternacht und ein Uhr zu spuken), es bewahrt in seinem Fledermausturm das Buch „Spuken leicht gemacht für jedermann“ auf – und man hat irgendwie die Stimme von Hans Clarin im Kopf.

Was nicht bedeutet, dass das Inflationsgespenst ungefährlich ist.

Inflationssorgen treiben die Märkte und den Alltag schon seit einiger Zeit. Diese Woche wieder deutlich stärker. Man spürt ja die Preissteigerungen an der Tankstelle, morgens beim Bäcker (mein Bäcker hat alle Brötchenpreise um 15 bis 20 Cent angehoben) und die Schwiegermutter schimpft über den Friseur, der nach dem Lockdown zehn Euro teurer geworden ist. Investoren und Unternehmen spüren höhere Preise an den Rohstoffmärkten und Handwerker in den Fachbaumärkten. Sogar die amerikanische Finanzministerin Janet Yellen, die wohl vergessen hat, dass sie nicht mehr Fed-Chefin ist, schickte vor zwei Wochen mit Aussagen zu höheren Inflationsraten und steigenden Zinssätzen Schockwellen durch die Märkte. Die Bank of America hat berechnet, dass die Nutzung des Wortes im Vergleich zum Vorjahr um 800 Prozent gestiegen ist. Das alles stört die Party an den Aktienmärkten, besonders Technologieaktien leiden.

Diese Woche sorgten Zahlen aus den USA für Unruhe: Die Inflation ist im April gegenüber dem Vorjahresmonat um 4,2 Prozent geklettert. Die Verbraucherpreise sind in den USA so stark gestiegen wie seit 2008 nicht mehr, deutlich stärker als erwartet. „Inflation Surge rattles Markets“, titelte das „Wall Street Journal“, zumal die Inflation auch gegenüber März gestiegen war und auch dann, wenn man den Corona-Effekt vom April 2020 rausrechnet.


In Deutschland ist die Inflation ebenfalls seit Jahresbeginn geklettert, wir sind bei zwei Prozent. EZB-Direktorin Isabel Schnabel erwartet vorübergehend sogar mehr als drei Prozent.

Drei Punkte sind denke ich wichtig, egal, ob einen das Thema als Anleger oder im Alltag umtreibt:

  1. Zunächst einmal hat die Corona-Pandemie mehr verzerrt als angenommen, nicht nur das BIP und die Schuldenquote. Wir laufen statistisch gegen die dunkelsten Monate seit Jahrzehnten, zudem gibt es viele Nachholeffekte und Nachholbedarf: Die Menschen wollen wieder raus und leben, und sie haben in der Pandemie ziemlich viel Geld angehäuft, was sie ausgeben und auf den Kopf hauen. Die Sparquote der Deutschen etwa ist 2020 auf ein Rekordniveau gestiegen, auf 16 Prozent des Einkommens. Das Vermögen der privaten Haushalte wuchs um knapp 400 Mrd. Euro auf 7,1 Billionen. Die Nachfrage steigt also, was eine gute Nachricht ist, das Angebot hält aber nicht überall Schritt. Etwa bei Autos, wo Chips fehlen, deshalb steigen in den USA die Preise für Gebrauchtwagen.
    Auch bei uns gab es Einmaleffekte: Die Mehrwertsteuersenkung ist im Januar ausgelaufen, der Ölpreis gestiegen, die CO2-Steuer macht Energie insgesamt teurer. All das haben Ökonomen und Notenbanker im Blick, wenn sie von einem „temporären Phänomen“ sprechen. Aber so ganz trauen sie ihrer Statistik nicht – und die Märkte trauen den Notenbanken nicht.
  2. Das betrifft den zweiten Punkt, die Billionen, die Joe Biden in den USA verteilt, mal als Schecks, mal als Unterstützung für Familien, mal als Versprechen für Investitionen in eine grüne Zukunft. Seine Hilfs- und Investitionspakete inspirieren viele in Europa, Politiker wie Ökonomen, aber von Anbeginn wurde auch gewarnt: Das ist ein Experiment, ein Wagnis. Immer neue Billionen in eine Wirtschaft, die längst wieder wächst! Die USA erwarten das höchste Wachstum seit 1980.
    Zumal die Amerikaner ebenfalls auf anderthalb Billionen Dollar Erspartem sitzen. Drei Billionen an Hilfen hat die Regierung bereits 2020 verabschiedet, nun kommen einige Billionen noch drauf – auch wenn es teils langfristig angelegte Programme sind. Von Anfang an wurde gewarnt, dass die US-Wirtschaft überhitzen könnte, die Inflation sprunghaft steigt – und die US-Notenbank zu einem Bremsmanöver gezwungen sein könnte, dass die Welt seit vielen Jahren nicht erlebt hat. Diese Unsicherheit schwang bisher bei jeder Inflationszahl mit (bevor die Rally an den Märkten einige Tage drauf weiterging).
  3. Den dritten Punkt nenne ich das Inflationsparadox: Eigentlich war die Inflation seit Jahren nahezu verschwunden oder gar negativ, und die Notenbanken haben verzweifelt und teils vergeblich versucht, sie anzuheben, auf das Ziel von zwei Prozent. Sobald die verschwundene Inflation aber in Ansätzen auftauchte, wurde sie sofort mit dem Wort „Angst“, „Sorge“ oder „Gefahr“ verbunden. Nicht aber, weil jemand wie Sie oder ich sich fürchten müsste, sondern weil dies ein Signal sein könnte, dass die jahrelange Geldflussparty, die so viele Vermögenspreise in die Höhe getrieben hat, sich dem Ende zuneigt.
    Hier kommt ein zweites Experiment in den USA ins Spiel, neben den Billionenprogrammen der Demokraten, und es läuft in der Theorie schon etwas länger im Hintergrund:  Der Paradigmenwechsel der US-Notenbank im vergangenen Sommer. Damals hat Fed-Chef Jerome Powell deutlich gemacht, höhere Inflationsraten über einen gewissen Zeitraum in Kauf zu nehmen. Die Fed betrachtet seitdem die Inflation eher im Durchschnitt über einen gewissen Zeitraum und nicht mehr als Momentaufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt.
    Außerdem machte die Fed damals deutlich, dass sie einen schwachen Arbeitsmarkt als eigenes Problem betrachtet, einen starken aber nur dann als kritisch, wenn er die Inflation wirklich nach oben treibt. Die „Financial Times“ nennt dies „eine asymmetrische Sichtweise auf die Beschäftigung“. Die EZB, so hört man hier und da aus Äußerungen ihrer Vertreter heraus, überlegt ebenfalls, ihre Strategie zu überprüfen – und sich der Fed anzupassen: also höhere Inflation über einen gewissen Zeitraum zuzulassen (und sie gleichzeitig als „temporäres Phänomen“ rhetorisch zu bändigen). Wobei der Anpassungsdruck in Europa viel schwächer ist; weil die Erholung schwächer ist, weil es nicht frische Billionen am laufenden Band geben wird und die EZB in den Jahren zuvor bei der Inflationssteuerung nicht so effektiv unterwegs war.

Sie sehen: Es gibt für alle eine Erklärung, dafür aber verdammt viel Unsicherheit und Nervosität – weshalb Hui Buh bestimmt weiter spuken wird: Einmaleffekte, Nachholbedarf, das Erwachen nach einer historischen Pandemie, historische Hilfsproramme, Rekordschulden der Staaten, Reflexionen von Notenbankern angesichts der Geldmenge, die da inzwischen geschaffen wurde.

Die Frage, ob sich der Preisdruck als Episode, als vorübergehendes Risiko erweist, wird weiterhin die Schlüsselfrage für die Märkte sein. Dies gilt auch für all die Wetten darauf, wann und wie schnell die Fed die Zinsen anheben wird – und wie lange es dauern wird, bis die Inflationswerte nicht mehr so ausschlagen wie die berühmten Bäume im Mai.

Das sollten wir jetzt im Blick haben: Ein Teil des Inflationslärms ist auch ein Zeichen dafür, dass die Welt erwacht und das Leben wieder losgeht.

 


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