KolumneBlockchain und Industrie: Wie passt das zusammen?

Symbolbild Blockchain
Symbolbild BlockchainGetty Images

Innovative Technologien wie die Blockchain-Technologie – und die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) im Allgemeinen – werden zukünftig eine wichtige Rolle in der Industrie einnehmen, um autonome Zahlungen zu ermöglichen. Dies hat sowohl erhebliche Auswirkungen auf den Cash-to-Cash-Zyklus der Unternehmen als auch auf die Automatisierung der industriellen Lagerbestände.

Die Blockchain-Technologie kann das Vertrauen, die Transparenz und den Datenschutz von Geschäftsprozessen verbessern, indem sie ein gemeinsames, dezentralisiertes, verteiltes System für Informationen bereitstellt, das von verschiedenen Akteuren gleichzeitig verwendet werden kann. Eine Blockchain kann daher beispielsweise zur Speicherung von Daten im Bereich „Internet of Things“ (IoT), wie Sensoren oder Maschinen, verwendet werden. Vor allem abgestimmte und standardisierte Datenstandards zwischen mehreren Parteien sind für die Industrie von großem Vorteil.

Die Rolle des Cash-to-Cash-Zyklus

Im Bereich der Finanzierung von Industriegütern ermöglicht die Blockchain bemerkenswerte Vorteile. So kann sie durch eine Verbesserung der Datenintegrität dazu beitragen, die Hürden für Zwischenfinanzierungen bei Finanzinstituten zu senken und dadurch Lieferanten einen früheren Zugang zu Liquidität zu ermöglichen. Auf diese Art und Weise kann die Blockchain den Cashflow eines Unternehmens verbessern und den Cash-to-Cash-Zyklus in einer von langen Zahlungszielen dominierten Industrie verkürzen.

Neben der verbrauchsabhängigen Bereitstellung durch z.B. Vendor Managed Inventory (VMI) ist die automatisierte verbrauchsabhängige Finanzierung der nächste Schritt. Auf diese Art und Weise lässt sich gebundenes Kapital in der Lieferkette freisetzen, um schließlich Kapital- und Transaktionskosten zu reduzieren.

In der heutigen Produktionswirtschaft decken die tatsächlichen Zahlungsziele nur noch einen Teil der Zeit ab, in der das Kapital im Umlaufvermögen gebunden ist. Hinzu kommen Produktions-, Transport- und Lagerzeiten. Nachdem die Ware das Lager des Produzenten verlassen hat, kann es mehrere Monate dauern, bis sie im Lager des Kunden angekommen ist, eingelagert wurde und bezahlt ist. Während die Käufer von langen Zahlungsfristen profitieren, tragen die Verkäufer die Kosten in Form der Finanzierung des Umlaufvermögens.

Würde die Rechnung ausgestellt und bezahlt, sobald ein Produkt bestellt oder konsumiert wird, würde der Cash-to-Cash-Zyklus deutlich beschleunigt und der Druck auf den Lieferanten verringert. Heutzutage kann dies nicht vollständig automatisiert werden, da die Datenqualität bislang nicht ausreicht; erst wenn der Empfänger die Versandanzeige erhalten hat, ist ein rechtsverbindlicher Existenznachweis erbracht. Häufig sind Aufträge auch zu klein, als dass Banken attraktive Finanzierungslösungen vorschlagen könnten, und müssen deshalb manuell bearbeitet werden.

Durch die direkte Erfassung des Inventars im Silo können verschiedenste Lieferungen gebündelt verarbeitet und finanziert werden, was die normalerweise auf einfachen Lastermengen basierenden Einzelabrechnungen und die damit zusammenhängenden Prozesse obsolet macht. Ergebnis sind unter anderem eine höhere Transparenz gegenüber Kunden und Finanzierungspartnern und damit einhergehende günstigere Konditionen sowie signifikante Einsparungen im Backoffice.

Blockchain-basierte Automatisierung

Statt jeden Monat manuell den Füllstand zu messen und eine Rechnung zu stellen, können Sensoren verwendet werden, um die Lagerbestände in jedem Silo kontinuierlich zu messen. Diese Informationen werden auf einer Blockchain zwischen dem Lieferanten und dem Kunden aufgezeichnet. Diese Daten sind so hochwertig, dass jede Bestandsmessung einem Proof-of-Existence für das Material entspricht. Jede Lagerbewegung ist deshalb ein Nachweis für den Verbrauch durch den Kunden oder für eine neue Lieferung.

Anstatt den verbrauchten Bestand monatlich zu bezahlen, löst die Information auf der Blockchain direkt einen entsprechenden Zahlungsvorgang aus. Jedes Mal, wenn ein Verbrauch gemessen und auf der Blockchain aufgezeichnet wird, wird eine Rechnung erstellt und die Zahlung des Kunden überprüft. Diese Vorgehensweise beschleunigt den Cash-to-Cash-Zyklus drastisch und ermöglicht dem Lieferanten einen früheren Zugang zu Liquidität. Da die meisten Kunden nicht daran interessiert sind schneller zu bezahlen, kann eine Bank für jeden Verbrauch die sofortige Finanzierung zur Verfügung stellen.

Ein solches Blockchain-basiertes System hätte zwei Hauptvorteile: Zum einen bietet dieses System den Zugang zu billiger Liquidität, zum anderen kann jedes Silo oder Lagersystem als eigenständiges Profitcenter arbeiten. Dies erhöht die Transparenz, ermöglicht Prozesskostenrechnung und macht die zugrunde liegenden Vermögenswerte für institutionelle Investoren zugänglich und verbriefbar (Tokenisierung).

An vorhandene Systeme angebunden können alle manuellen Schritte des Bestell- und Fakturierungsprozesses überflüssig gemacht werden. Richtig eingerichtet und mit passenden Rahmenverträgen würden alle genannten Prozesse monatelang autonom und ohne jegliches menschliche Zutun ablaufen.


Philipp Sandner leitet an der Frankfurt School of Finance & Management das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Zu seinen Themengebieten gehören Blockchain, Crypto Assets, Distributed Ledger Technology (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Tokens (STOs), Digitalisierung und Entrepreneurship. Jonas Groß ist Projektmanager am FSBC und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bayreuth. Zu seinen Forschungsschwerpunkte gehören neben Crypto Assets, digitale Zentralbankwährungen (CBDC) und Stablecoin-Projekte wie Libra. Tony Oehm ist Chief Operating Officer der AZHOS AG. Der Schwerpunkt seiner Arbeit konzentriert sich auf industrielle Anwendungsgebiete von Blockchain in der Prozessindustrie.