AnalyseWird Frankfurt der Brexit-Gewinner?

Skyline von Frankfurt
Skyline von Frankfurt: Kommen zu den Bankentürmen noch ein paar hinzu?
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Die entscheidende Frage zuerst: Ist Frankfurt der große Brexit-Gewinner?

Nein, für dieses Urteil ist es viel zu früh. Weder lässt sich seriös schätzen, ob und wenn ja, in welchem Umfang die schlagzeilenträchtige Verlagerung oder Eröffnung von Europa-Zentralen von Banken in Frankfurt zu einem Beschäftigungsaufbau führen. Ebenfalls ist unklar, ob der Gewinn dieser Arbeitsplätze den strukturellen Jobabbau der Bankenbranche ausgleichen kann, es also tatsächlich auch netto zu Arbeitsplatzgewinnen kommt.

Frankfurt hat aber, auch dank konzertierter Bemühungen von Finanzaufsicht, Banken, Lobbyverbänden und Wirtschaftsministerium, sehr gute Karten, deutlich mehr Banken anzuwerben als konkurrierende europäische Städte.

Was zieht Banken nach Frankfurt?

Frankfurt ist die populärste Destination für Banken, die aufgrund des geplanten Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union eine Alternative zu London in der EU suchen. Sie benötigen einen Standort innerhalb der EU, um ihre Bankdienstleistungen in allen Mitgliedsländern anbieten zu können, im Fachjargon „den EU-Pass“. Den hatten viele Institute bislang in London. Sie müssen sich aber für den Fall eines harten Brexits nach einer Alternative umsehen.

Wie genau ist der Stand?

Die japanischen Banken Nomura, Daiwa und Sumitomo sowie die britische Standard Chartered Bank wollen Standorte in Frankfurt mit Banklizenz gründen oder ausbauen. Die Citigroup, Goldman Sachs und Morgan Stanley bevorzugen dem Vernehmen nach ebenfalls Frankfurt, wollen aber Londoner Jobs eher zwischen verschiedenen Städten diffundieren lassen. Die schweizerische UBS hat schon eine europäische Holding sowie Julius Bär eine Bank in Frankfurt, in der sie ihre europäischen Aktivitäten bündeln.

Die Bilanz anderer Finanzzentren und Newcomer sieht da bescheidender aus: die britische Lloyds Bank zieht es nach Berlin, HSBC nach Paris, Barclays und die Bank of America nach Dublin. Andere Institute sind noch unentschieden, wie eine mehrmonatige Recherche der Nachrichtenagentur Bloomberg ergab.

Infografik: Der Abzug der Banker aus Großbritannien | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Oha – werden da die Banker in Dublin und Paris schon nervös?

Offenbar schon. In jedem Fall wächst die Leberwurstigkeit: Die französische Nachrichtenagentur AFP schob den Frankfurter Vorsprung jüngst zurück auf „unermüdliche Lobbyarbeit“ und der irische Finanzminister beklagt bereits „schleichende Regulierungsarbitrage“. „The winner ist Frankfurt – could it really be?“, fragt sich erstaunt der britische „Independent“, auch die „Financial Times“ attestiert Frankfurt die „Führung“ im Rennen um neue Banken und Jobs – und das alles binnen gerade einmal zwei Wochen.

10.000 Jobs sind zu hoch gegriffen

Was hat es mit den 10.000 Jobs auf sich, die nach Frankfurt kommen sollen?

Sie sind ein geschickter PR-Coup. Nichts lieben Redakteure und Leser so sehr wie griffige Zahlen in einem komplizierten Sachverhalt. Das weiß auch der Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Hubertus Väth. Daher hat der PR-Profi kurz nach dem Brexit-Referendum die Zahl von 10.000 neuen Jobs ventiliert, die sich seitdem durch die Berichterstattung zieht. Aber genau das ist auch sein Job: Optimismus verbreiten. Der Vorstandschef des Verbands der Auslandsbanken, Stefan Winter, nennt 3000 bis 5000 neue Mitarbeiter mittelfristig realistisch, verpackt das ganze aber eher als einen „schleichenden Prozess“.

Auch anderer Stelle schrumpfen die Zahlen: Goldman Sachs sollte laut Presseberichten eigentlich 1000 Jobs nach Frankfurt verlagern – in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ nannte der Europachef der weltgrößten Investmentbank eine Verdopplung der aktuellen Mitarbeiterzahl „sehr wahrscheinlich“ – das wären indes nur 200 Stellen. Die Verlagerung der Europa-Zentrale der japanischen Bank Nomura nach Frankfurt soll ebenfalls mit weniger als 100 Stellenverlagerungen über die Bühne gehen, wie das „Handelsblatt“ berichtete.

Wann legen denn die Banken die genauen Zahlen auf den Tisch?

So spät wie möglich. Sie sind lieber schmallippig, was die genaue Anzahl der Jobs angeht, die im Zuge eines neuen oder ausgebauten Standorts in Frankfurt entstehen oder dorthin verlagert werden.

Das hat drei Gründe: Erstens fürchten sie, dass sich Mitarbeiter, Kunden und auch Politiker anderer Finanzzentren innerhalb der EU geprellt fühlen könnten. Daher agiert man möglichst geräuschlos. Zweitens sind Jobverlagerungen und Neueinstellungen teuer – die Bankbranche ist besonders personalintensiv. Kreditinstitute haben ein Interesse daran, die Mitarbeiterzahl möglichst klein zu halten. Dem gegenüber stehen aber – drittens – die kritischen Aufseher, die Wert darauf legen, dass die Institute bei einem Sitz in Frankfurt personell wie organisatorisch alle Voraussetzungen erfüllen, etwa im Risikomanagement, bei der IT-Sicherheit und auch bei Fragen der Geldwäsche und Wertpapierhandelsaufsicht.