InterviewWolfgang Ischinger: „Timing is everything“

Wolfgang Ischinger ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz
Wolfgang Ischinger ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.


Was hält Sie nachts wach? 

Unsere historisch politische Chance in einer Welt, die aktuell eher in Richtung Chaos tendiert, ist Europa zu einem Anker oder zumindest zu einem Gebiet vergleichsweise großer Stabilität auszuweiten. Die Chance war noch nie so groß wie jetzt, gerade nach den Krisen der letzten sieben oder acht Jahre. Für die Sicherheit der Bürger, für die Sicherheit der Währung, für die globalisierte Welt und das Wachstum – das sind Chancen die gerade die deutsche Wirtschaft braucht, um wieder gedeihen zu können. Meine große Sorge ist, dass wir sie wie so viele Chancen in der Vergangenheit wieder vertun. Wir als Europa bzw. Europäer müssen uns aktuell mit dem Gedanken anfreunden, dass wir der Westen sind. Wir sollten aus den Profiteuren des Westens zu den Hütern des Westens werden – also eine neoliberale Wirtschaftsordnung bewahren und verteidigen. Können wir diese Chance nutzen? Sie könnte ermöglichen, dass Europa mit einer Stimme spricht, dass Europa für die Welt ein respektabler Akteur wird – ja sein muss und sein soll. Die Frage ist also: Kriegen wir die Kurve? Werden wir im Stande sein, die deutsche neugewonnene Selbstsicherheit, die deutsche Macht, wenn Sie so wollen, im Interesse eines funktionsfähigeren Gesamtwerks einzusetzen?

Von welchem Unternehmen können Sie am meisten für Ihre Zukunft lernen und warum?

Die Zahlen zeigen, dass die Unternehmen, die vorn an der neuen Front des technologischen Fortschritts marschieren eher im Stande sein werden und schon im Stande gewesen sind, eine neue Unternehmenskultur zu entwickeln. Wir werden in vielfältiger Weise zu spüren bekommen, dass diejenigen, die sich jetzt nicht mit verändern, einfach zurückbleiben, und so eher zu Opfern des Fortschrittes, als zu seinen Profiteuren werden.

Die Gesellschaftsschicht bei uns, der kleine schwäbische Mittelständler, war schlau genug, um zu sagen: Das nützt nichts, wenn ich hier in Dettingen an der Erms weiter meine Kartons produziere. Ich muss dorthin, wo es a) viele Menschen gibt und b) viele Produkte. Man muss den Wandel als Prinzip für bestimmte Bevölkerungskreise sehen, das sind die Unternehmer und das ist das Management in diesen Unternehmen, während die breite Öffentlichkeit weiter verharrt in dem Glauben: Hoffentlich ändert sich nichts. Das zeigen auch die politischen Wahlen. Hier wird dann die Partei bzw. der Politiker gewählt, die bzw. der uns dieses Versprechen gibt.

Künftiger Erfolg hängt nicht zuletzt von der Frage ab, ob es mir gelingt, vom Verbraucher, vom Konsumenten, also dem Abnehmer, her zu denken. Der klassische Mercedes-Ingenieur hat nicht an die Frau gedacht und sich gefragt, wie sie am Steuer sitzen wird. Er hat sich lediglich gefragt: Wie bringe ich die Schalter so an, dass es technisch am besten ist? Er hat nicht an den Verbraucher gedacht. Bei den Sportschuhen, hat mir gerade meine Tochter erklärt, gibt es inzwischen Firmen, die es den Verbrauchern ermöglichen, entweder online oder im Sportgeschäft den eigenen Sportschuh selbst zu gestalten. Von der Farbe, zur Form etcetera Da muss man nicht sechs Wochen darauf warten, sondern das geht quasi über Nacht. Erfolg hat die Firma, die versucht, wie die Leute zu denken, die die Produkte kaufen sollen, wollen oder müssen. Das heißt, man muss sich fragen, wie man sie für die besser machen kann.

 Wer beschäftigt sich bei Ihnen im Haus mit dem Thema Zukunft? 

Ich habe ein kleines Team von Leuten hier in Berlin. Wir denken über sicherheitspolitische Fragen für die Agenda der Konferenz im nächsten Jahr nach und wir denken über die Zukunft nach. Wir sind kein historisches Institut und wir überlegen uns nicht, wie man den Zweiten Weltkrieg hätte vermeiden können, sondern wir denken darüber nach, was im Jahre 2018 die sicherheitspolitische Frage ein, zwei, drei bis sieben sein wird. Heute diskutieren wir die Frage, ob wir „Killerroboter“ erlauben oder verbieten sollten. Also Maschinen, die Menschen umbringen. Wir fragen uns: Ist das schon ein hinreichend relevantes Thema, oder ist das noch Science-Fiction? Ist es ein Thema, was jetzt schon die Köpfe von Generälen oder Politikern – Entscheidungsträgern– interessieren müsste? Dann setzen wir es auf die Tagesordnung. Insofern beschäftigen wir uns als Team fast nur mit der Zukunft. Wir wissen, was Sicherheitspolitik heute ist und wir überlegen uns, was Sicherheitspolitik morgen sein wird.