Beste AusbilderBei der Neptun Werft kommt es auf den menschlichen Faktor an

Ausbildungsleiter Carsten Schreiber (l.) und Azubi Tammo Kastius vor einem gerade fertiggestellten Gastanker
Ausbildungsleiter Carsten Schreiber (l.) und Azubi Tammo Kastius vor einem gerade fertiggestellten GastankerÉriver Hijano

Es hat etwas von Vater und Sohn, wie Tammo Kastius und Carsten Schreiber über das Werftgelände in Rostock-Warnemünde schlendern. Beide tragen Blaumann, Kastius, der Stift, dazu einen gelben, und Schreiber, der Ausbildungsleiter mit dem markanten Schnauzer, der sich bis zum Kinn hinunterzieht, einen blauen Helm. Kastius hat beim Gehen die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, schaut auf zu Schreiber, der ihn um einen Kopf überragt, und lauscht aufmerksam dessen Erklärungen.

In den gigantischen Hallen prasseln Funken von Schweißgeräten, poltern dumpfe Schläge gegen schweres Metall. Unten, wo das Werftgelände auf die Warnow trifft, leuchtet strahlend rot ein moderner Gastanker, der für seine Jungfernfahrt gerüstet wird. Von der neuen Doppelendfähre, die etwas weiter Richtung Ostsee liegt, geht gerade der Kapitän von Bord, der das Schiff künftig durch das Wattenmeer zwischen Föhr und Amrum steuern wird. Möwen lachen. Und Kastius lächelt.

Der 19-Jährige fühlt sich wohl hier, in dieser Welt voller Testosteron, in der Pranken kräftig zupacken können müssen, in der man sich blind aufeinander verlässt. In dem Moment, als Kastius die Unterschrift unter den Ausbildungsvertrag setzte, war er „Teil der Familie“, von der Geschäftsführer Raimon Strunck, ein schlanker Mann mit feiner, hanseatischer Attitüde, so gerne spricht. In vielen Unternehmen ist das eine Plattitüde, bei der Neptun-Werft scheint mehr dahinterzustecken.

Als „Jung’ von der Küste“, wie Tammo Kastius sagt, musste er nicht lange überlegen, wo er sich bewirbt. Er hat Salzwasser im Blut, sein Vater ein Segelboot und die Neptun-Werft einen exzellenten Ruf in der Region. Die dicken Pötte auf dem Meer hatten ihn immer schon begeistert. Tammo, damals 16 Jahre alt, wollte die Schule beenden, endlich arbeiten, anpacken statt pauken, auch wenn die Lehrer ihm einbläuten: „Ohne Abi bist du nichts!“ Aber davon ließ er sich nicht abhalten. Er wollte Konstruktionsmechaniker werden – bei Neptun.

Kraftwerke für Kreuzfahrtriesen

Die Werft hat 500 Mitarbeiter, noch einmal so viele kommen von Partnerfirmen hinzu. Tradition seit 1850, ein Stück Geschichte der Hansestadt, trotz Schiffbaukrise volle Auftragsbücher. Seit 1997 gehört Neptun zur Papenburger Meyer-Gruppe, hat sich auf Flusskreuzfahrtschiffe spezialisiert. Bis zu zwölf dieser Giganten der Ströme kann sie im Jahr bauen. Dazu kommen moderne Gastanker und Doppelendfähren. Der neueste Clou aber ist der Bau von Kraftwerken für die Kreuzfahrtriesen von Aida, Costa und Carnival, die in Papenburg und dem finnischen Turku gebaut werden.

Bis zu 140 Meter lang und 45 Metern breit sind die Kraftwerke, mehrere Decks hoch. Ein Schiff im Schiff. Sie produzieren mehr als doppelt so viel Energie wie das Heizkraftwerk Schwerin, stellen den Antrieb des Schiffs sicher, aber auch die komplette elektrische Versorgung des Hotelbereichs, der Küchen, der öffentlichen Räume und Klimaanlagen. Das „Herzstück“ der Kreuzfahrtriesen ist schwimmfähig und wird nach Fertigstellung von Rostock nach Papenburg oder Turku geschleppt. Dort wird der Ozeanriese um das Kraftwerk herumgebaut. Kastius, der Azubi, ist begeistert von der Vielfalt der Arbeit.

Es dauerte keine zwei Wochen von der schriftlichen Bewerbung bis zum ersten Gespräch. Dabei kommen auf jede der etwa 50 Azubistellen zehn Bewerber. An der Pforte wurde er von einem Auszubildenden empfangen. Kastius nahm das die Nervosität. Er konnte Fragen stellen, unverfänglich, sich nach der Atmosphäre in der Werft erkundigen. Von dem Gespräch mit Schreiber war Kastius überrascht. Er hatte sich gut vorbereitet, aber nichts von dem wollte Schreiber wissen. „Ob der Junge eine Drei oder Vier in Mathe hat, ist mir egal“, sagt der Ausbildungsleiter. „Allein der Jugendliche steht bei dem Gespräch im Mittelpunkt. Ich will etwas über seinen Hintergrund erfahren, seine Motivation und wohin die Reise mit ihm geht. Schließlich wollen wir jeden unserer Auszubildenden übernehmen.“ In den vergangenen Jahren lag die Quote bei 100 Prozent.

Und Geschäftsführer Strunck ergänzt: „Wir entwickeln unser eigenes Führungspotenzial. Deshalb ist der menschliche Faktor bei der Einstellung sehr wichtig.“ Kastius konnte punkten. Er hatte einen Ertrinkenden vor dem Tod gerettet, wurde dafür mit der Lebensrettungsmedaille ausgezeichnet. Solche Typen, die schnell entscheiden und anpacken, können sie bei Neptun gut gebrauchen. Und auch beim praktischen Test überzeugte er durch Geschick.