WohnungsbauWarum die Zahl der Baugenehmigungen sinkt

Neubauten
Neubauten in Deutschland: Bauvorschriften treiben die Preise nach obenGetty Images

Ein gutes dreiviertel Jahr ist es her, da äußerte sich Bundesbauminister Horst Seehofer (CSU) geradezu euphorisch über die Zukunft des deutschen Wohnungsmarkts: „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den vergangenen 40 Jahren je eine so umfassende Offensive in den Wohnraum hatten“, sagte Seehofer wenige Tage nach dem Wohngipfel der Bundesregierung im letzten September. Zuvor hatte die Große Koalition ein milliardenschweres Maßnahmenpaket beschlossen, um den Wohnungsbau anzukurbeln. Das Ziel: Bis Ende 2021 sollten in Deutschland rund 1,5 Millionen neue Wohnungen entstehen. Durch das größere Angebot sollen langfristig auch die Preise sinken, so der Wunsch dahinter.

Schon damals kritisierten Marktbeobachter das Ziel als unrealistisch. Eine aktuelle Auswertung des Statistischen Bundesamts zeigt nun: Deutschland baut nach wie vor viel zu wenig, um auch nur annähernd an diese Größenordnung heranzureichen. Trotz der Wohnungsnot in den Ballungsgebieten sind im ersten Quartal dieses Jahres sogar etwas weniger Neubauten genehmigt worden als im Vorjahr. Von Januar bis März ging die Zahl der Genehmigungen für den Bau von Mehrfamilienhäusern um 4,4 Prozent auf 37.600 Einheiten zurück – ausgerechnet jenen Gebäude, die vor allem in Großstädten knapp sind. Nur bei Einfamilienhäusern registrierte das Statistische Bundesamt einen leichten Anstieg der Neubauten von 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Über alle Wohnungstypen betrachtet sank die Zahl der Zusagen um 2,8 Prozent auf rund 75.600 Genehmigungen.

Der Bundesverband der privaten Immobilienwirtschaft rechnet lediglich mit gut 250.000 neuen Wohnungen in diesem Jahr. Das wäre weniger als ein Drittel der von der Koalition anvisierten Zielmarke für 2019. „Die Zahlen sind mehr als ernüchternd“, kommentiert Andreas Mattner, Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW warnte angesichts der Zahlen davor, dass der Wohnungsmangel in der Bundesrepublik zur Dauersituation werde. Diese Entwicklung sei ein Alarmsignal für die Zukunft des bezahlbaren Wohnens, sagte GdW-Präsident Alex Gedaschko.

Weniger Regulierung

Glaubt man den Lobby-Verbänden, liegt der Grund für die Bauflaute in Deutschland auf der Hand: zu wenig Bauland, zu hohe Preise für Grund und Boden und vor allem eine zu starke Regulierung beim Bau. Je stärker der Wohnungsmarkt reguliert sei, desto schwächer falle im Normalfall das Wohnungswachstum aus, beobachtet ZIA-Präsident Mattner. „Wir müssen endlich die Baugenehmigungszahlen deutlich nach oben treiben und Planungsprozesse beschleunigen“, sagt er und liefert gleich eine Liste mit Vorschlägen mit, wie der deutsche Wohnungsmarkt für Investoren attraktiver werden könnte – etwa mit der Einführung einer digitalen Bauakte, die eine bessere Koordination zwischen den einzelnen Akteuren ermöglichen soll oder der Harmonisierung der Landesbauordnungen. Derzeit gibt es 16 verschiedene Gesetzeswerke, für jedes Bundesland eines.

Fehlende Baukapazitäten und Regulierungswut sind das Eine, die wachsende Unsicherheit unter Investoren das andere Problem. Die Diskussionen um Mietendeckel und Enteignungen haben ihre Spuren hinterlassen, mahnen Experten. Schon heute würden sich Projektentwickler und Bauunternehmen sehr genau überlegen, ob sie noch in Deutschland investieren wollen. „Den Wohnungsbau kurbelt man nicht an, indem man ständig über Enteignung und das Einfrieren der Mieten diskutiert“, mahnte der Bauindustrieverband HDB. Auch der Immobilienverband BFW kritisiert eine verfehlte Wohnungspolitik der Bundesregierung. „Mit ihrem falschen Fokus auf das Mietrecht läuft die Bundesregierung weiter in eine Sackgasse, statt umzudrehen und Kurs auf mehr Neubau zu nehmen“, warnte BFW-Präsident Andreas Ibel. „So werden die Schlangen vor den Wohnungsbesichtigungen auch künftig nicht kürzer.“