AktienmarktWer regiert, ist der Börse egal

Händler an der Frankfurter Börse
Händler an der Frankfurter Börse: Für die Investoren ist die Wahl nicht das entscheidende EreignisGetty Images

Die politische Szene wird dieser Tage von einem Ereignis beherrscht: der Bundestagswahl. Und nun halten zwar manche schon für eine klare Sache, welche Partei als stärkste daraus hervorgehen wird. Aber die Frage, die derzeit keiner beantworten kann, ist: In welche Richtung wird die Republik nach dem kommenden Sonntag rücken? Noch ist die Unsicherheit groß und meistens ist so eine Ungewissheit auch kein gutes Zeichen für die Märkte. Wie also reagieren die nun auf die bevorstehende Wahl? Man kann es in zwei Worten sagen: Gar nicht. Zumindest fast nicht. An den Börsen ist die Wahl ein „Non-Event“, so sagen es Großanleger, die Zinsänderung der Fed bewege die Kurse weitaus mehr. Tatsächlich tritt der Aktienindex Dax fast so lethargisch auf der Stelle wie es die Werte der großen Parteien in den Wahlumfragen tun. Gut, das mag bis Sonntag anhalten, wird sich danach aber ändern. Dann ist die Frage auch hier: In welche Richtung wird es gehen?

Hängt das nun vom Wahlausgang ab? Wird weiterhin der Verbund aus den zwei Großparteien regieren? Das würde zwar für breiten Konsens sprechen, doch erfahrungsgemäß auch für wenig Bewegung – was dann sowohl für die politischen als auch für die wirtschaftlichen Impulse gilt. Oder setzt sich ein neues Parteienbündnis durch, das womöglich agiler ist? Und welche Partei wäre eigentlich unter Marktgesichtspunkten der optimale Gewinner? Zumindest letztere Frage lässt sich klar beantworten, wenn man den Schnellauswertern und Kurzsichtstatistikern glaubt: Nach einem CDU-Sieg habe der deutsche Aktienindex Dax im Schnitt um 4,2 Prozent zugelegt, während er nach einem SPD-Sieg um 2,3 Prozent abgesackt sei, sagen die. Doch solche oberflächlichen Zahlenspiele führen schnell in die Irre. „Wir warnen davor, auf Basis eindimensionaler Analysen pauschal einen Kausalzusammenhang zwischen Wahlergebnissen und der Preisbildung an den Kapitalmärkten herzustellen“, sagen die Privatbanker von Sal. Oppenheim, denn: „Grundsätzlich entwickelte sich der Dax in Jahren mit einem Wahlsieg der SPD statistisch gesehen nicht schlechter als bei einem Sieg der CDU“, sagt Portfoliomanagerin Jördis Hengelbrock, „die SPD hatte einfach das ‚Pech‘, im historisch schlechtesten Jahr für den Dax, nämlich 2002 die Bundestagswahlen zu gewinnen.“

Ebenso mit Vorsicht zu genießen sind jene Auswertungen, bei denen sich Statistiker die Daten der vergangenen 50 Jahre angesehen haben: Sie haben die Wertentwicklung am Aktienmarkt mit den Amtsperioden deutscher Bundeskanzler korreliert. Das Ergebnis scheint eindeutig: In den Zeiten, in denen die Bundesregierung CDU-geführt war, war mehr Rendite drin. Unter Angela Merkel in den vergangenen 12 Jahren sogar 7,9 Prozent Wertentwicklung pro Jahr. 7,9 Prozent, das ist ganz schön ordentlich, wenn es damit weiterginge. Aber diese Zahlen allein sagen natürlich noch längst nicht die ganze Wahrheit. Vielleicht nicht einmal die halbe.

Das Interessante steckt im Detail

Auf den ersten Blick sieht es für die SPD-Kanzler wirklich nicht gut aus: Die Regentschaft Brandt brachte minus 5 Prozent, Schmidt immerhin ein maues 2,8 Prozent plus, Gerhard Schröder schaffte nur magere 0,1 Prozent. Dagegen holte Merkel ihre 7,9 Prozent, Kohl 12 Prozent, Adenauer schaffte sogar 23 Prozent. Das beste Ergebnis aber erzielte Kiesinger mit 25 Prozent – ironischerweise mit der großen Koalition und SPD-Mitregierung. Einzig CDU-Kanzler Erhard fiel aus der Reihe: minus 10,4 Prozent verbuchte ausgerechnet der Vater des Wirtschaftswunders. So gesehen ist zweifelhaft, ob die Pauschalbetrachtung wirklich sinnvoll ist. Lassen wir die ersten Kanzler einmal beiseite, denn ihre Amtszeiten fielen erstens in die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre, zweitens gab es damals den Aktienindex Dax noch gar nicht in seiner heutigen Form.

Schauen wir uns also lieber die letzten Regierungsperioden genauer an, denn das Interessante steckt dabei im Detail: Gerhard Schröder etwa schnitt nur in seiner ersten Amtszeit börsentechnisch sehr schwach ab mit minus neun Prozent. In seiner zweiten Legislaturperiode, als man ihn „Genosse der Bosse“ nannte, stiegen die Kurse aber um rund 17,5 Prozent. Helmut Kohls Bilanz schwankte viermal von sehr schwach bis über 20 Prozent. Und Angela Merkel kam erst allmählich in Fahrt. Ihre erste Amtszeit fiel in die Phase der großen Finanzkrise, die drückte natürlich auch sehr stark die Finanzmärkte. Zweitens ermöglichte der große Kursrutsch damals aber auch erst die erheblichen Kurssteigerungen, die danach einsetzen. Prompt gaben in Merkels zweiter und dritter Amtsphase die Aktienkurse Gas. Übrigens wuchs der Aktienmarkt in beiden Phasen etwa gleich stark, obwohl einmal die FPD mitregierte und einmal die – genau, die SPD. Da drängt sich schon die Frage auf: Haben die Regierungsparteien wirklich so viel Einfluss auf den Lauf der Aktienkurse?

Nein, haben sie nicht, sagen Profiinvestoren. Entscheidend für die Märkte seien übergeordnete Trends, externe Schocks, die Politik der Notenbanken – also Dinge, die nur mittelbar im Einflussbereich der Landespolitik liegen. Die Kurse reagierten sehr wenig und nur sehr kurzfristig auf Regierungen und Parteien – obwohl die ja Gesetze erließen – sondern folgten dem Lauf der Weltwirtschaft, was ja auch viel plausibler klingt. Daher lässt sich auch nur bedingt ein Zusammenhang zwischen der nationalen Wirtschaft, den Börsenkursen und den einzelnen Regierungsphasen erkennen: Das Wirtschaftswachstum war in allen Kanzlerperioden grundsätzlich positiv. Es wurde jedoch von Legislaturperiode zu Legislaturperiode schwächer. Was man vom Kurswachstum so nicht sagen kann.

Einheitliche Entwicklungen? Fehlanzeige

Und auch sonst gibt es einige Widersprüche: Obwohl die Wirtschaft der Republik zu Willy Brandts Zeiten noch um vier Prozent wuchs, sackte der Markt um jährlich fünf Prozent ab. Am Ende der Ära Brandt folgte dann noch die weltweite Ölkrise, die auch seinen Nachfolger Schmidt noch beschäftigte. In Merkels Amtszeit lag der Anstieg des Bruttoinlandsprodukt bei durchschnittlich 1,5 Prozent, unter Schröder waren es nur 1,1 Prozent. Trotzdem erzielten die Börsen in Schröders zweiter Amtszeit ein Kursplus von 17,5 Prozent, in Merkels Hochphase nur 12 Prozent. Und ausgerechnet am Anfang von Schröders Kanzlerschaft, als das Wirtschaftswachstum hoch war, sackten die Kurse ins Bodenlose. Denn 2001 crashte der neue Markt – ziemlich ohne Zutun der deutschen Regierung. Was der SPD aber bis heute die Dax-Bilanz verhagelt.

Auch die Höhe der Arbeitslosigkeit – die ja sehr wohl politisch beeinflusst werden kann – scheint kein verlässliches Indiz für die Kursentwicklung zu sein: Unter Kohl stieg sie rasant, die Kurse zum Ende seiner Amtszeit aber auch. Unter Schröder sanken die Zahlen der Beschäftigungslosen zuerst, dann steigen sie. Die Kurse zogen in seiner zweiten Amtszeit aber stark an. Unter Merkel nahmen die Arbeitslosenzahlen ab, die Wertentwicklung an der Börse aber zuletzt auch. Einheitliche Entwicklungen? Fehlanzeige.

Dass Kanzler also wirklich die Aktienmärkte beeinflussen, lässt sich anhand solcher Zahlen nicht belegen. Ebenso wenig, dass konservative Regierungen per se besser für die Wirtschaft sind und fürs Wachstum, wie manche gern schlussfolgern. Denn war nicht unter den Sozialdemokraten alles schwieriger? In die Amtszeiten der SPD-Kanzler fielen ausgerechnet die großen Krisen wie Ölkrise und Dotcom-Crash. Auch die große Finanzkrise passierte, als die SPD mit an der Regierung war. Oder müsste man umgekehrt fragen: Werden die Sozialdemokraten immer dann in eine Regierung gewählt, wenn schwere Zeiten herrschen oder bevorstehen? Erben sie also sinkende Wachstumszahlen und steigende Arbeitslosigkeit von ihren Vorgängern und werden gewählt, weil viele hoffen, dass sie das wieder ändern? Im Grunde ist all das Spekulation. Man kann also nur abwarten, was unter der nächsten Regierung passiert. Die beiden großen Parteien aber stünden generell für Kontinuität und Stabilität und der Konsens zwischen ihnen sei groß, sagen Marktbeobachter.

Die Chancen für ein weiteres Kursplus stehen gut

Wie es dagegen am Aktienmarkt weitergeht, das prognostizieren Finanzmarktbeobachter so: Bisher habe der Dax trotz der verhaltenen Bewegungen zuletzt – und trotz der Sommermonate, die ja traditionell als schwache Börsenmonate gelten – bereits neun Prozent zugelegt. Sollte er das bis zum Jahresende halten, wäre 2017 sogar ein außergewöhnliches Börsenjahr gewesen. Und die Aussichten für ein weiteres Kurswachstum bei den deutschen Firmen stehen gut. Von daher spreche nichts gegen ein langfristiges Investment in deutsche Standardaktien, wer das über 10, 15 Jahre oder sogar länger machen möchte, der sollte am besten einen Dax-Indexfonds kaufen. Wer kurzfristiger denkt und vielleicht nur drei bis fünf Jahre anpeilt, der kann sich auch unter den aktiven Fonds im Bereich Deutsche Standardwerte umsehen. Das ist zwar gewagter, aber gerade in diesem Sektor schafften es nämlich zuletzt viele Fondsmanager, den Vergleichsindex zu schlagen. Zumindest für einige Jahre. Auf Fünf- und erst recht auf Zehnjahressicht aber sieht ihre Outperformance-Quote im Vergleich zu den Passivfonds mau aus.

Die deutschen Unternehmen jedenfalls seien mehrheitlich finanzstark aufgestellt, und hätten sich schon in der jüngsten Vergangenheit immer wieder an das wechselnde politische und regulatorische Umfeld angepasst, so sagen es Fondsmanager. Auf die Klimapolitik etwa hätten viele Unternehmen von sich aus reagiert, auf den Dieselskandal ebenso. Damit hätten sie ihre Innovationskraft mehrfach bewiesen. Lediglich beim Thema Digitalisierung hinken einige noch hinterher, so stellen diverse Analysten und auch Verbände fest. Das wird also in Zukunft ihre große Herausforderung sein – nicht die Frage, unter welcher Regierung sie diese Aufgabe lösen.

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 

 

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