AltersvorsorgeWarum die Pflicht-Rente für Selbstständige sinnvoll ist

Viele Selbstständige sorgen nur unzureichend fürs Alter vor
Viele Selbstständige sorgen nur unzureichend fürs Alter vorGetty Images

Hohes Risiko, wenig Geld: Wer sich selbstständig macht, hat in den ersten Jahren meist andere Sorgen, als die eigene Altersvorsorge. Auch wenn das Geschäft später läuft und die Erträge stabil sind, schieben viele Selbstständige das Thema Altersvorsorge vor sich her. Etwa drei Millionen von ihnen haben laut Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nicht ausreichend für das Alter vorgesorgt. Noch in diesem Jahr will er daher ein Gesetz auf den Weg bringen, dass Selbstständige zum Vorsorge-Sparen zwingt. Wer nicht fest angestellt ist, soll künftig zu einem von drei Dingen verpflichtet werden: der Mitgliedschaft in einem Versorgungswerk, der Absicherung über die Rürup-Rente oder dem Einzahlen in die gesetzliche Rentenversicherung.

Der Vorstoß des Ministers stößt in der Politik auf offene Ohren. Sowohl Union und SPD als auch die Opposition begrüßen Heils Pflichtrente. Der rentenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Markus Kurth, bezeichnete eine verpflichtende Altersvorsorge für alle Selbstständige als „längst überfällig“. Und für die Linksfraktion erklärte Matthias W. Birkwald, der Vorschlag gehe „in die richtige Richtung, wiewohl die Tücke im Detail liegt“.

Der Linken-Politiker warnt vor einfachen Lösungen: Zwar habe Heil gerade für die häufig am Rande des Existenzminimums arbeitenden Solo-Selbstständigen – also Einzelkämpfer ohne eigene Mitarbeiter – den richtigen Ansatz gewählt. Jedoch müsse die Bundesregierung gleichzeitig prüfen, wie sich eine übermäßige finanzielle Belastung der Selbstständigen durch Sozialversicherungsbeiträge verhindern lasse. Außerdem müsse die Regierung laut Birkwald sicherstellen, dass Auftraggeber an den Sozialversicherungsbeiträgen beteiligt werden, ähnlich wie das Arbeitgeber bei ihren Angestellten tun.

Sind Selbstständige gut abgesichert?

Auch der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) kritisiert den Gesetzesentwurf. Den Lobbyisten ist vor allem die Tatsache ein Dorn im Auge, dass der Staat nur drei Optionen als Altersvorsorge anerkennt. Selbständige, die keinen Zugang zu einem Versorgungswerk haben, müssen nach dem bisherigen Modell entweder in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen oder über die Rürup-Rente vorsorgen. Beide Systeme sind jedoch nicht frei von Fehlern. Der demographische Wandel stellt die gesetzliche Rente schon heute vor eine Zerreißprobe. Künftig werden immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen. Wie viel Geld die heutigen Beitragszahler im Alter als Rente erhalten, ist völlig ungewiss. Die Rürup-Rente indes lohnt sich in der Regel nur für Gutverdiener mit hohem Steuersatz. „Gerade für Selbstständige mit niedrigem Einkommen, die nicht von den verbundenen Steuervorteilen profitieren, kann die Rürup-Rente ein schlechtes Geschäft sein“, kritisiert der Verband.

Die Lobbyisten warnen außerdem vor unnötiger Panikmache. Das Gros der Selbstständigen sei gut fürs Alter abgesichert – und zwar auch dann, wenn sie nicht in die gesetzliche Rente einzahlen, schreibt der Verband und verweist auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2016. Demnach haben mehr als die Hälfte aller Selbstständigen, die nicht freiwillig gesetzlich versichert sind, eine Kapitallebensversicherung oder eine private Rentenversicherung abgeschlossen. Oft sei auch großes Vermögen vorhanden: Von den Personen, die nicht freiwillig gesetzlich versichert sind, verfügten laut DIW knapp zwei Drittel über Immobilien-, Geld oder Anlagevermögen von mindestens 100.000 Euro, und etwa 40 Prozent sogar über ein Vermögen von mindestens 250.000 Euro.

Gleichwohl: Vermögend sind laut der Studie vor allem studierte Selbstständige mit Angestellten, etwa Ärzte oder Anwälte. Solo-Selbstständige dagegen verfügen seltener über Vermögen oder eine private Vorsorge-Versicherung. Für sie kann eine Renten-Pflicht nach dem Modell von Arbeitsminister Heil also tatsächlich sinnvoll sein – wenn sie richtig gestaltet wird.