Geldanlage"Trump und Brexit sind vergleichbare Risiken"

Wahkampfauftritt von Donald Trump
Wahkampfauftritt von Donald Trump
© Getty Images

Harald Preißler ist Chefvolkswirt des Anleihespezialisten BantleonHarald Preißler ist Chefvolkswirt des Anleihespezialisten Bantleon

 


Capital: Welche Nachrichten haben Ihnen zuletzt den Schlaf geraubt?

Preißler: Das sind derzeit in wechselnder Reihenfolge immer dieselben: Erstens die Flüchtlingskrise als eher diffuses Risiko, das die Stimmung in Europa beeinträchtigt, radikalen und europakritischen Parteien Rückenwind verschafft und damit das Auseinanderdriften der EU-Staaten befördert. Zweitens die Neuwahlen in Spanien. Drittens der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU. Der ist kein diffuses, sondern eher ein konfuses Risiko.

Warum?

Es gibt eine ganze Reihe von Unklarheiten, die es erschweren, zu beurteilen, was am 23. Juni, also dem Tag der Abstimmung, passieren wird – und was danach. Man hofft, dass die Briten für den Verbleib in der EU stimmen, und es sieht auch nach einer knappen Mehrheit für diese Entscheidung aus. Diese Mehrheit ist aber nicht so stabil, dass man sich darauf verlassen könnte. Welche Folgen es hätte, wenn der Brexit doch kommt, ist ebenfalls unklar.

Ist der Brexit derzeit ein größeres Risiko für die Märkte als die Flüchtlingskrise und die politischen Probleme in Spanien?

Auf jeden Fall. Ein Austritt Großbritanniens aus der EU wäre ein bedeutendes Ereignis, das entsprechend starke Reaktionen hervorrufen würde. Ein Brexit könnte zumindest temporär Turbulenzen an den Aktienmärkten auslösen, an den Rentenmärkten dürften die Risikoprämien steigen. Die Europäische Zentralbank würde aktiv werden, etwa ihre Anleihekäufe vorübergehend erhöhen, bis sich die Lage stabilisiert. Die Flüchtlingskrise und die Neuwahlen in Spanien sind dagegen Risiken mit schwer zu greifenden Folgen.

Kein erhöhtes Risiko durch Brexit-Diskussion

Woran erkennen Anleger, ob ein politisches Risiko Auswirkungen auf die Märkte haben könnte?

Wir schauen uns dafür an, wie sich Rentenindizes entwickeln, zum Beispiel solche für britische Unternehmensanleihen. Wir vergleichen ihre Risikoprämien, die Spreads, mit denen von Unternehmensanleihen aus der Eurozone. Weiten sich die Spreads in Großbritannien aus, kann man folgern, dass ein politisches Risiko eingepreist wird. Interessanterweise war das in der jüngeren Vergangenheit nicht der Fall. Die Anleihemärkte sehen also kein deutlich erhöhtes Risiko durch die Brexit-Diskussion. Entweder glauben die Inverstoren nicht, dass es zum Brexit kommen wird. Oder sie gehen davon aus, dass er keine nachhaltigen Verwerfungen mit sich bringen wird.

Wie sieht es am spanischen Anleihemarkt aus?

Im Frühjahr haben sich die Spreads spanischer Anleihen gegenüber deutschen Staatsanleihen ausgeweitet. Die Handlungsunfähigkeit der Regierung nach der gescheiterten Wahl im Dezember hat die Anleger verunsichert und die Risikoprämien in die Höhe getrieben. In den vergangenen zwei Wochen hat sich die Lage aber wieder leicht stabilisiert. Dieser Trend dürfte sich nach den Neuwahlen im Juni fortsetzen.

Sollten europäische Anleger vor allem die politischen Risiken in Europa im Blick behalten oder sollten sie sich beispielsweise auch über einen möglichen US-Präsidenten Donald Trump sorgen?

Die Diskussion um Trump kann man mit der Diskussion um den Brexit vergleichen – beides ist eher unwahrscheinlich, würde die Finanzmärkte aber eine Zeitlang in Wallung bringen. Man muss allerdings immer zwischen der unmittelbaren Reaktion auf ein politisches Ereignis und den langfristigen Folgen unterscheiden.

Und welche langfristigen Folgen hätte ein Wahlsieg Trumps auf den US-Markt?

Trump führt einen aggressiven Wahlkampf, hat aber kein Interesse daran, die Wirtschaft in den Abgrund zu stürzen. Ich glaube, dass sich die längerfristigen Konsequenzen sowohl einer Trump-Präsidentschaft als auch eines Brexits auf die Märkte in Grenzen halten würden. In den USA und in Großbritannien sehe ich deshalb Chancen für Schnäppchenjäger. Kommt es in Folge der aktuellen politischen Risiken zu Kursstürzen, können langfristig orientierte antizyklische Investoren zuschlagen.