KolumneRente mit 73

Mit 65 ist längst noch nicht Schluss: Viele müssen länger arbeiten, weil das Geld für die Rente nicht reichtdpa

Manchmal denke ich, ich sollte vielleicht doch den Beruf wechseln. Journalisten werden alt, sehr alt, und wir arbeiten bis Ultimo. Aber bei vielen Nachrichten aus der Finanzwelt frage ich mich, wie gut ich damit wohl in 30 Jahren umgehen kann. So lange nämlich werde ich arbeiten müssen, hat die Bundesbank gerade errechnet. Die neue Zielmarke für meine Generation – die „um die 40-Jährigen“ – ist die Rente mit 73. Vorher ist kein Geld für uns drin.

Woran das liegt, erklären Ökonomen so: Viele in unserer Generation werden alt. Aber es gibt bald zu wenige Junge, die unsere Renten finanzieren. Deswegen hat unsere Generation drei Möglichkeiten: Entweder wir werden viel weniger Rente herausbekommen als eh gedacht. Oder wir müssen monatlich mehr in die Rentenkassen einzahlen – viel mehr, weil wir es im Alter noch versteuern müssen. Oder wir arbeiten länger. Ehrlich gesagt klingt das nach der einfachsten Option.

Teure Rentenreformen

Denn schon vor Jahren wollte der Staat den nicht gerade neuen Konflikt zwischen der wachsenden Zahl an Ruheständlern und eben jenen, die deren Bezüge finanzieren müssen, lösen. Über einen langen Zeitraum von 20 Jahren und mehr sollte das Rentenniveau sinken und die Lebensarbeitszeit auf 67 steigen. Doch es dauerte nicht lang, da beschlich dieselben Politiker, die zuvor diese Reformen beschlossen hatten, die Angst vor der eigenen Courage: Sie führten die abschlagsfreie Rente mit 63 ein, eine Extra-Rente für Mütter und jetzt auch noch die Grundrente.

Cover der neuen Capital
Die aktuelle Capital

Letztere will die aktuelle Koalition übrigens mit einer Finanztransaktionssteuer bezahlen, die es noch gar nicht gibt. Klingt ein bisschen wie der Kauf von Aktien auf Pump oder wie die Absicherung eines Immobilienkredits mit den Erträgen einer Lebensversicherung.

All diese Maßnahmen haben zwei Dinge gemeinsam: Sie kosten sehr viel Geld – und sie geben keinerlei Antwort auf die Frage, wovon eigentlich meine Generation leben soll, wenn sie vielleicht doch mal in den Ruhestand gehen darf. Dabei hätten wir dazu durchaus Gelegenheit, immerhin macht der Staat noch immer satte Überschüsse. Doch statt die Milliarden aufzusparen und sie für diejenigen, die sie heute auch einzahlen, gewinnbringend anzulegen – schütten wir das Geld aus. Etwa für eine Rentenerhöhung (mehr als drei Prozent 2020). Das ist eine Verzinsung, von der die Generation „Rente 2030“ nur träumen kann.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Ich fürchte, das Rentensystem läuft ab 2030 gleich mehrfach in die Falle: Geringverdiener werden weiter auf Unterstützung angewiesen sein. Die Mitte müsste dringend vorsorgen, hat dafür aber nach Abzug der Miete (für Eigentum reicht es oft nicht) und der üblichen Ausgaben kaum was übrig. Und die Gutverdiener, die vorsorgen könnten, tun es nicht – weil sie nicht mehr wissen, wie. Alle Vorsorgeformen, die Banken, Versicherer und Politik in den letzten Jahren gepusht haben, sind mehr oder weniger diskreditiert.

Wenn ich es mir so überlege, schule ich vielleicht wirklich um. Dann mache ich es wie eine Freundin und werde Humorberater – das ist kein Witz, sondern ein anerkannter Ausbildungsberuf. Humor kann man dringend gebrauchen in dieser Dauer-Renten-Debatte.

 


Nadine Oberhuber ist Capital-­Korrespondentin in München. In ihrer Kolumne schreibt sie jeden Monat über die Freude und die Last mit der Geldanlage und der Altersvorsorge.