KolumneAuch Gott würde gefeuert

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Der liebe Gott sieht bekanntlich alles, auch die Zukunft. Stellen wir uns daher vor, er könnte die Aktienkurse in fünf Jahren sehen und würde sich als Fondsmanager betätigen. Sein Anlagekonzept: heute die drei Aktien des Dax kaufen, die über die kommenden fünf Jahre am besten abschneiden. Dann liegen lassen.

Sie ahnen, dass dieser Fonds in den vergangenen 20 Jahren aberwitzig hohe Renditen erwirtschaftet hätte. Aus einer Anlage von 10.000 Euro wären gut 1,1 Mio. geworden, wenn Sie seit 1997 jeweils in den Top-Dax-Titeln der vier Fünfjahreszeiträume investiert gewesen wären.

Ich ahne allerdings auch etwas. Nämlich dass die meisten Anleger zwischenzeitlich das Vertrauen in das numinose Fondsmanagement verloren hätten. Denn auch mit dem Wunderportfolio der besten Aktien der kommenden Jahre sind seit 1997 in 35 Prozent der Monate Verluste angefallen. Es gab mehr Monate mit Verlusten von über zehn Prozent als im Dax selbst, im schlechtesten Monat waren 37 Prozent futsch (im Dax nur 28 Prozent). Einmal ging es fünf Monate in Folge abwärts (im Dax nur vier). Der Maximalverlust vom Hoch fiel mit 54 Prozent kaum geringer aus als der des Dax selbst (59 Prozent).

Misstrauen Sie Versprechen vieler Finanzdienstleister

Zahlenspielerei? Mitnichten. Der US-Vermögensverwalter Wes Grey (von dem ich auch die Überschrift übernommen habe) hat errechnet, dass sich die Zwischenverluste eines Portfolios der jeweils besten US-Aktien aller Fünfjahreszeiträume seit 1926 (!) kaum von denen des Gesamtmarkts unterschieden haben. Auch hier gilt: Ist man jeweils in den fünf Jahren im besten Zehntel des US-Gesamtmarkts investiert, rappelt es dennoch kräftig.

Maximal waren mit diesem Wunderportfolio zwischenzeitlich 76 Prozent futsch, im schlechtesten Monat 33 Prozent. Die Berechnungen zeigen, dass Rendite und Risiko immer zwei Seiten einer Medaille sind. Misstrauen Sie Versprechen vieler Finanzdienstleister, Rendite ohne lästige Einbrüche erwirtschaften zu können.

Andererseits sind die Zahlen eine Warnung: Die Empirie zeigt, dass Anleger weit stärker auf Verluste als auf Gewinne achten. Und daher die größten Fehler in Verlustphasen begehen. Dann werden Anlagen liquidiert, bricht Hektik aus, fließen den „Crash-Gurus“ Mittel zu.

Seien Sie nie hektisch

Gerade bei Fonds wird kurzfristiger gedacht denn je, feuern Anleger ihre Manager immer rascher: Nur das beste Viertel der aktiven Fonds der vergangenen zwölf Monate verzeichnete in Europa noch Nettozuflüsse. Die übrigen drei Viertel können langfristig noch so überzeugen – ihnen fließen Mittel ab.

Seien Sie nie hektisch. Legen Sie sich eine Strategie zurecht, die Sie auch in Krisen diszipliniert durchziehen. Denken Sie dabei ebenfalls an ganz turbulente Phasen: Aktionäre gelten zwar als Gewinner der Hyperinflationen in Deutschland 1923 und 1948. Die realen Verluste mit deutschen Aktien betrugen aber auch damals jeweils über 80 Prozent.

Hätten Sie die Nerven gehabt, das durchzustehen?


Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


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