Peter Seppelfricke Forschungsausgaben: Wer ist für die Zukunft am besten gerüstet?

Bundeskanzler Scholz sitzt am Stand der Firma Siemens in einem vollelektrischen Fahrzeug
Bundeskanzler Scholz sitzt am Stand der Firma Siemens in einem vollelektrischen Fahrzeug
© IMAGO / localpic
Aufwendungen für Forschung und Entwicklung schaffen die Basis für zukünftige Erfolge. Die deutschen Unternehmen hinken im internationalen Vergleich eher hinterher

„Die gesamten Forschungsleistungen kommen letztendlich vom Staat“, sagte die geschätzte Taz-Journalistin Ulrike Herrmann am vergangenen Montag in einer Talkrunde. Von den anderen Teilnehmern der Runde wurde diese krasse Behauptung nicht korrigiert. Vermutlich handelte es sich bei dieser Äußerung auch nur um einen unüberlegten Versprecher. Bei etwas gründlicherem Nachdenken wäre auch der intelligenten Frau Hermann bewusst geworden, dass viele bahnbrechende Innovationen wie Autos, Computer, Smartphones oder Impfstoffe vornehmlich durch Unternehmen vorangetrieben wurden.

Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
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Die unwidersprochene Aussage offenbart jedoch auch auf einen Zeitgeist, der bei vielen Politikern und Journalisten verbreitetet ist: Die Leistungen der Wirtschaft werden vielfach kleingeredet und unterschätzt, während die Fähigkeiten des Staates häufig überschätzt werden. Die mangelnde Würdigung von Unternehmensleistungen führt einer verzerrenden Meinungsbildung in vielen Medien und zu falschen politischen Entscheidungen. Dieser Zeitgeist schadet dem Standort Deutschland.

Ein einfacher Blick in die amtliche Statistik genügt, die Forschungsleistungen der verschiedenen Sektoren korrekt einzuordnen. Das Statistische Bundesamt erhebt regelmäßig die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von Unternehmen, Hochschulen und staatlichen Einrichtungen (dazu gehören z.B. die Max-Planck-Institute). Dabei fällt sofort ins Auge, dass mit Abstand die meisten Forschungsleistungen durch die Wirtschaft (Anteil ca. 70 Prozent) erbracht werden. Diese Zahl unterschätzt sogar noch den Aufwand der Unternehmen, da auch ein großer Teil der Forschungsausgaben von Hochschulen und staatlichen Einrichtungen durch Drittmittel von Unternehmen gefördert werden. Forschungen in diesen Bereichen werden zu ca. 20 Prozent aus Mitteln der Wirtschaft finanziert, die Unternehmen übernehmen folglich etwa 75 Prozent aller Forschungsausgaben in Deutschland.

Peter Seppelfricke: Forschungsausgaben: Wer ist für die Zukunft am besten gerüstet?

Für den Wohlstand und die Zukunftsfähigkeit eines Landes dürften die Forschungsaufwendungen von Unternehmen eine noch höhere Bedeutung haben, als es diese Zahlen andeuten. Die Manager von Unternehmen haben große Anreize, in vielversprechende Projekte zu investieren – schließlich hängen auch ihre erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteile maßgeblich von den zukünftigen Erfolgen ihrer Unternehmen ab. Für eine ineffiziente Verschwendung von Ressourcen müssen sie gegenüber den Eigentümern ihrer Unternehmen Rechenschaft ablegen und gegebenenfalls sogar um ihren Job fürchten. So ist es nicht verwunderlich, dass nahezu alle wegweisenden Innovationen der letzten Jahre wie Onlinehandel, Soziale Netzwerke, Streamingdienste oder Elektroautos durch Unternehmen auf den Weg gebracht wurden. Die Forschungsleistungen der Unternehmen schaffen viele Arbeitsplätze und sichern die Lebensqualität vieler Menschen.

Die staatlichen Forschungsausgaben dürften dagegen einen vergleichsweise geringen Beitrag zum Wohlstand eines Landes leisten. In den Hochschulen und staatlichen Einrichtungen werden vornehmlich Grundlagenforschungen betrieben, die naturgemäß recht häufig im Sande verlaufen. Darüber hinaus lassen sich Politiker bei ihren Forschungsstrategien häufig auch von den erratisch schwankenden Stimmungen in Medien und Gesellschaft treiben, nachhaltige wirtschaftliche Überlegungen werden kaum in Betracht gezogen.

So kann es passieren, dass fast über Nacht ca. 9 Mrd. Euro für eine „Nationale Wasserstoffstrategie“ freigesetzt werden. Politikern fällt es leicht, dass Geld fremder Leute auszugeben und für die eigene Selbstdarstellung zu nutzen. Für eine ineffiziente Allokation von Forschungsgeldern können sie dagegen kaum belangt werden. Im Gegensatz beispielsweise zu Ausgaben bei der Bundeswehr (bei denen der „Output“ in Form von einsatzfähigen Waffen gemessen werden kann), lässt sich eine ineffiziente Verwendung von Forschungsgeldern kaum nachweisen.

Anmerkungen: Berechnungen des Autors mit Daten aus S&P Capital IQ. Es werden jeweils die Mediane für die verschiedenen Indizes angegeben
Anmerkungen: Berechnungen des Autors mit Daten aus S&P Capital IQ. Es werden jeweils die Mediane für die verschiedenen Indizes angegeben

Der Schwerpunkt der Forschungsaufwendungen sollte deshalb weiterhin bei den Unternehmen liegen. Bei einem internationalen Vergleich fällt jedoch auf, dass die deutschen Unternehmen dabei recht mäßig aufgestellt sind. So wurden bei den großen deutschen Konzernen in Dax in den letzten Jahren im Mittel nur etwa 3,5 Prozent vom Umsatz für F&E-Projekte ausgegeben (siehe Abbildung). Bei den internationalen Konzernen im amerikanischen S&P 500 bzw. im MSCI World betrugen die entsprechenden Anteile mehr als das Doppelte beziehungsweise Dreifache! Mit ihren umfangreichen Forschungen entwickeln die Konzerne überlegene Produkte und Technologien und legen die Basis für ein sehr hohes Wachstum. Die jährlichen Wachstumsraten im Umsatz der Konzerne im S&P 500 bzw. im MSCI World waren in den vergangenen Jahren in etwa doppelt so hoch wie die entsprechenden Wachstumsraten der Dax-Unternehmen. Überlegene Produkte und Technologien führen mithin zu höheren Wachstumsraten und Marktführerschaft, die wiederum in überlegenen Kostenstrukturen (niedrigsten Stückkosten) mündet.

Fazit: Die Wirtschaft trägt den Löwenanteil der Forschungsaufwendungen in Deutschland. Dies sollte auch in Zukunft so bleiben, da die Anreize in Unternehmen eher gewährleisten, dass die Mittel effizient zum Wohle der Bevölkerung eingesetzt werden. Der Staat sollte in Zukunft verstärkt die Unternehmen in ihren Forschungsaktivitäten unterstützen, ansonsten werden die deutschen Unternehmen international abgehängt.


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