GeldanlageEin Kloster zeigt, wie man mit Aktien richtig anlegt

Schwester Lioba ist die Finanzchefin des Klosters. Ihre Tage beginnen immer mit der Morgenmesse
Schwester Lioba ist die Finanzchefin des Klosters. Ihre Tage beginnen immer mit der MorgenmesseJulia Sellmann

Jeden Morgen liest die Nonne in der Frühmesse im Gotteslob, und in der Mittagspause studiert sie den Finanzteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Ein solides Fundament und Gottvertrauen, mehr braucht man kaum, wenn man wie Schwester Lioba über ein millionenschweres Anlageportfolio wacht.

Eine solche Kombination schafft Gelassenheit, und das hilft ihr, wenn sie im Gemeinschaftsraum des Klosters wieder mal eine verunsicherte Mitschwester trifft. Als etwa der Dieselskandal bei VW aufflog, fragte eine Schwester: „Haben wir die Aktie im Depot?“ Nein, beruhigte Schwester Lioba, rechtzeitig verkauft. Oder als eine andere Nonne einen Roman über soziale Netzwerke gelesen hatte und sich bei ihr erkundigte: „Gehören uns Facebook-Papiere?“ Nein, konnte Schwester Lioba antworten – aber dafür Amazon und Visa und Berkshire Hathaway, die Firma des legendären US-Investors Warren Buffett.

Seit dem Jahr 2012 verwaltet Schwester Lioba das Geldvermögen der Abtei
Seit dem Jahr 2012 verwaltet Schwester Lioba das Geldvermögen der Abtei (Foto: J. Sellmann)

Schwester Lioba, 56, eine kleine Frau mit kräftiger Stimme, lebt in der Abtei Mariendonk und sagt: „Ich bin hier quasi der CFO.“ Der Chief Financial Officer, die Finanzvorständin des Klosters und dessen Chefanlegerin.

Viele Klöster und Kirchengemeinden verwalten große Vermögen, doch an die Börse trauen sich längst nicht alle. In dieser Hinsicht unterscheiden sich viele Bischöfe, Pastoren, Mönche und Nonnen gar nicht so besonders vom Rest der Deutschen. Rund zehn Millionen Aktionäre gibt es hier zu Lande, in den vergangenen fünf Jahren sind gerade einmal 550.000 hinzugekommen. Und 27 davon leben in Grefrath am Niederrhein, gut 30 Kilometer Luftlinie nordwestlich von Düsseldorf.

Die Motive der Nonnen für das Börsenwagnis waren existenzielle: Zum einen brauchen sie die Erträge aus ihrem Vermögen, um das Abteigebäude zu erhalten, zum anderen müssen sie daraus ihre Alterssicherung finanzieren – während klassische Geldanlagen wie Tagesgelder rar geworden sind, mit denen man noch ansatzweise etwas verdient. Circa 1,5 Mio. Euro ihrer Rücklagen haben die Nonnen inzwischen in Aktien und Anleihen investiert. Die Börse muss ein ganzes Kloster retten – und ausgerechnet von den Nonnen können andere Anleger viel lernen.

Deutschland in klein

Wie es zu dem Börsengang kam, verstehen Besucher, wenn sie in den ersten Stock des Klosters steigen. Hier arbeitet eine Schwester mit Nadel und Faden ein Muster aus Blättern in eine Schützenfahne ein, die ein Verein bestellt hat. In einem anderen Raum ruckelt eine Nonne an einem ratternden Webstuhl und näht ein Messgewand. Und hinter den Fenstern sehen die Schwestern das Land des Klosters, verpachtet an Bauern, auf dem im Sommer der Mais blüht. Die Nonnen leben von dem, was sie mit dem Kloster und seinen Ländereien erwirtschaften.

Es klingt nach einem kleinen Idyll, doch die Welt der Nonnen ist in Bedrängnis: 1899 errichtet, hat das Kloster beide Weltkriege überstanden, wurde 1948 zur Abtei erhoben, zum selbstständigen Kloster. Aber jetzt leben noch 27 Frauen hier, vor zehn Jahren waren es noch 42, der Altersdurchschnitt liegt bei 67. Die meisten erhalten kaum oder gar keine Rente, weil sie nicht mehr in die Rentenkasse einzahlen, seit sie im Kloster leben. Künftig werden immer weniger Schwestern arbeiten, weil sie zu alt sind und womöglich Pflege brauchen. Immer weniger Junge müssen das Einkommen erarbeiten, von dem das Kloster lebt. Die Abtei ist im Kleinen wie das deutsche Rentensystem.

Immerhin, Mariendonk hat Geld. Früher besaßen die Nonnen Maschinen und Tiere, um ihr Land zu bewirtschaften. In den 1990er-Jahren verkauften sie beides. Anderthalb Jahrzehnte war es vor allem in Festgeld angelegt – bis Schwester Lioba Ende 2012 stutzig wurde: Eine Anlage lief aus, und ihr Bankberater hatte nur noch drei neue Festgelder mit akzeptablen Zinsen im Angebot. Das war der Moment, in dem sich Schwester Lioba daran machte, die Welt der Finanzen besser zu verstehen: -Warum gab es kaum noch Festgeld, wieso waren die Zinsen so niedrig? Nach einiger Lektüre stellte sie fest: Die Zinsen werden weiter sinken, das Problem bleibt. „Wir müssen an die Börse“, eröffnete Schwester Lioba ihren Mitschwestern.

Schwester Lioba arbeitete sich noch weiter ein, sie wollte die Börse wirklich verstehen. „Für mich war das bis dahin: kleine Männer vor großen Tafeln, die Zahlen ins Telefon brüllen“, sagt sie. Sie nahm ein blaues Vokabelheft, in dem sie in ihrer krakeligen Schrift die Begriffe des Aktienmarktes und ihre Bedeutung notierte. Etwa, dass KGV für Kurs-Gewinn-Verhältnis steht und ein niedriger Wert eher eine günstige, eine hohe Zahl dagegen eine teure Aktie signalisiert. Die gern inszenierte Komplexität der Börse presste sie in eine kleine Kladde.

Für die ETFs hat sie einen eigenen Ordner angelegt, der in ihrem Büro steht
Für die ETFs hat sie einen eigenen Ordner angelegt, der in ihrem Büro steht

Einen Teil des Geldes vertraute sie der Vermögensverwaltung einer Bank an, für größere Summen nicht unüblich. So hat Schwester Lioba auch heute immer jemanden, den sie fragen kann, wenn sie etwas noch nicht versteht. Zudem fing sie selbst an, Geld anzulegen. In ihrem Büro, einem zellengroßen weißen Raum mit dunkler Holztür, hat Schwester Lioba ihre Ordner, in denen sie die Depots verwaltet. Auf einem steht die Abkürzung ETFs.

An diesem Ordner zeigt sich eine Börsenweisheit, die Schwester Lioba verinnerlicht hat: „Wir legen nicht alle Eier in einen Korb“, sagt sie. Die Abtei besitzt gleich mehrere ETFs, etwa auf den Dax, den MDax und auf Anleihen. Für die Auswahl der Fonds legte sich Schwester Lioba einfache Kriterien zurecht: Ein Produkt muss mindestens ein Volumen von 100 Mio. Euro haben. Ist es niedriger, rentiert sich ein Fonds für den Anbieter selten, die Gefahr steigt, dass er ihn wieder schließt. Einmal ist der Abtei das bereits passiert. Zudem muss der Fonds mindestens fünf Jahre am Markt sein. „Sonst lässt sich nicht abschätzen, ob er eine ordentliche Rendite erzielt“, sagt Schwester Lioba.

Einfache Regeln helfen

So landete das Kloster oft bei einfach zu verstehenden Standardprodukten und mied die jüngsten Marketingtrends der Branche, mit denen vor allem Banken und Fondshäuser verdienen. Mit großen Verheißungen kennen sich die Schwestern selbst aus, da brauchen sie nicht noch die Finanzwelt. Das klingt auch durch, wenn Schwester Lioba von einem Abend im Winter 2015 erzählt.

Die Bank der Nonnen hatte in Köln zu einer modernen Prophezeiung geladen: Es ging darum, wie die nächsten 12 Monate an den Finanzmärkten verlaufen könnten, im Anschluss lud die Bank zur Stehparty „mit ganz vielen Leuten mit ganz viel Geld“, wie Schwester Lioba sagt. Zwischen all den Kunden in ihren schicken Anzügen und Abendkleidern stand die Nonne in ihrem schwarz-weißen Ordenskleid und betrachtete das „flying buffet“. Bei Schwester Lioba klingt das Wort, als hätte sie an jenem Abend die Vorhölle erblickt.

Die Nonnen sind pragmatische Investorinnen, sie erwarten nicht zu viel und betrachten Geldanlage als das, was sie sein sollte: nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel für etwas anderes, für ihre Altersvorsorge. Sogar die Sache mit der Moral behandeln sie pragmatisch: Als Schwester Lioba ihnen ihre Idee mit den Aktien eröffnete, sprachen sie lange darüber. Denn: Wer einen ETF auf den Dax kauft, erwirbt automatisch alle Firmen im deutschen Aktienindex, auch den Kohleriesen RWE – ganz gleich, ob das zur eigenen Ethik passt.

„Wenn wir investieren, machen wir uns irgendwo die Hände schmutzig“

Schwester Lioba

Die Nonnen wählten einen Mittelweg: Ihre Bank darf das Klostergeld in gewisse Branchen gar nicht investieren; wer etwa mit Prostitution, Drogen und Kinderarbeit zu tun hat, kommt nicht ins Depot. Und aus den übrigen Branchen darf die Bank nur die nachhaltigsten Aktien kaufen – während im Dax-ETF schlicht die 30 größten deutschen Konzerne sind. Die Abtei besitzt Fonds mit gewöhnlichen Anleihen und zwei, die Mikrokredite an Arme vergeben, aber kaum Rendite bringen. „Wir versuchen, das auszugleichen“, sagt Schwester Lioba. „Aber wir können nicht warten, bis jemand die Welt rettet.“ Auch die Nonnen müssen ihr Geld breit streuen, um Risiken zu senken.

Schwester Lioba ist deshalb klar: „Wenn wir investieren, machen wir uns irgendwo die Hände schmutzig.“ Man kann nicht Gott und Mammon zugleich dienen, aber man kann Mammon nutzen, um Gott zu dienen.

Das gelingt den Nonnen erstaunlich gut. Mit einem Mix aus 30 Prozent Aktien und 70 Prozent Anleihen haben sie pro Jahr im Schnitt eine respektable Rendite von gut drei Prozent erzielt – mit einer Ausnahme: 2018. Zweimal rumsten die Börsen, die Aktien der Nonnen haben sieben Prozent Verlust gemacht. Weil die Anleihen aber besser liefen, beträgt das Gesamtminus kaum mehr als null Prozent.

Schwester Lioba erinnert sich noch gut an die Zweifel vor fünf Jahren, als sie diskutierten, ob sie an die Börse sollen: Ist das wirklich etwas für ein Kloster, ist das nicht Spekulation? Heute hat Schwester Lioba auf diese Frage eine Antwort, die auch die jüngsten Verluste nicht erschüttern. „Ein Kloster soll Jahrhunderte überdauern; wenn ich mir das bewusst mache, kann ich über Einbrüche hinwegsehen“, sagt sie. Die Nonnen bleiben trotz des Crashs bei ihrer Anlagestrategie. Sie wissen, dass es im Weltlichen auch mal abwärts gehen kann. Dafür haben sie ja schließlich ihr Gottvertrauen.