GeldanlageAltersvorsorge: Die 1000‑Euro-Frage

Der erste Impuls kommt völlig unverhofft, manchmal während eines munteren Abendessens. Wenn die alten Freunde zum Hauptgang keine Anekdoten servieren, sondern stattdessen über ihre finanzielle Lage im Ruhestand räsonieren, liegt das Thema auf dem Tisch. Und in einem Punkt sind sich alle sofort einig: Es muss mehr Rente her. Sagen wir: 1000 Euro wären schön.

Gehen wir von einem Akademiker aus, der heute mit 52 Jahren als Angestellter ordentlich (wenn auch nicht üppig) verdient und schon länger als 25 Jahre in die gesetzliche Rentenkasse einzahlt. In der offiziellen Jahresmitteilung werden ihm für den Rentenbeginn mit 67 rund 2500 Euro avisiert – vorausgesetzt, er verdient weiter wie bisher. Darüber hinaus erhält er im gleichen Jahr schätzungsweise 100.000 Euro aus einer steuerfreien Lebensversicherung. Auf Tagesgeldkonten dümpeln weitere 50.000 Euro herum. Die Ausgangslage ist also nicht mal so schlecht.

Für seinen Wunsch nach 1000 Euro Extrarente wird das frei verfügbare Kapital aber nicht reichen. Wenn der Mann zudem eine großzügige Reserve von 50.000 Euro zurückbehält, liegen bisher 100.000 Euro für die Zusatzrente bereit. Damit kommt man aber schon auf den ersten Blick nicht weit: Entnimmt der Mann aus dem Kapital jährlich 12.000 Euro, hat sich dieses nach gut acht Jahren vollständig verflüchtigt.

Doch die Motivation des Mannes, auf die 1000 Euro zusätzlich zu kommen, ist hoch, und auch die Möglichkeiten stimmen. Dem Angestellten bleiben bis zur Rente immerhin noch 15 Jahre. Wie viele in seinem Alter ist er bereits einige kostenträchtige Verpflichtungen los, die Kinder sind aus dem Haus, und er verdient gut genug, um monatlich ein paar Hundert Euro zur Seite zu legen.

Finanzplaner Michael Huber vom VZ Vermögenszentrum in Frankfurt am Main kennt die Schlussspurt-Strategie aus der Praxis. „Die Rente rückt in dieser Lebensphase stärker ins Blickfeld, für viele wird sie zum ersten Mal real“, sagt Huber. Er ermuntert: „Es ist nie zu spät. Auch mit 50 Jahren kann man nachjustieren.“

Ohne Kraftakt ist der Kapitalaufbau wegen der überschaubaren Sparfrist bis 2032 allerdings nicht zu schaffen, schon gar nicht bei den anhaltend niedrigen Zinsen. Zwar profitieren Anleger mit jedem zusätzlichen Sparjahr vom Zinseszinseffekt. Das heißt aber auch: Je kürzer die Sparzeit, desto geringer der Effekt.

Wie sind da noch 1000 Euro Zusatzrente möglich?

Die einfache Antwort lautet: indem die Ansprüche sinken oder die Sparquote steigt. Wer 15 Jahre lang monatlich 500 Euro zurücklegt, kann kaum erwarten, danach ganz entspannt den doppelten Betrag über 20 Jahre oder länger entnehmen zu können. Die dafür notwendige Rendite wäre irreal hoch (nämlich nahezu elf Prozent pro Jahr). Es muss also anders gehen.


Finanzplaner Michael Huber:

„1000 Euro Zusatzrente sind mit einer enormen Sparanstrengung verbunden. Das ist aber kein Grund, gar nicht erst anzufangen. Wer spart, hat ab Rentenbeginn in jedem Fall mehr“


Etwas Entspannung verspricht eine erste Weichenstellung: Will der 52-Jährige das aufgebaute Kapital selbst verzehren oder noch vererben? Wenn sich der Sparer entschließen kann, sein künftiges Vermögen bis zum letzten Cent in einen im Alter komfortableren Lebensstil zu buttern, muss er erheblich weniger zurücklegen.

Der Kapitalbedarf ist dann leicht zu überschlagen: Weil er die Zusatzrente bis zum Lebensende wünscht, kalkuliert er vorsichtig mit Auszahlungen vom Rentenbeginn mit 67 bis zum Alter von 90. Was übrig bleibt, sollen die Erben bekommen. Er braucht überschlägig also 1000 Euro mal 276 Monate, das lässt sich im Kopf rechnen: 276.000 Euro.

Zum Vergleich: Wollte er das Sparkapital unangetastet lassen, müsste er bei einem Anlagezins von zwei Prozent schon mehr als das Doppelte aufbringen: 600.000 Euro.


Finanzplaner Michael Huber:

„Die meisten Deutschen sind darauf fixiert, ihren Kindern ein Vermögen zu hinterlassen. Wer jedoch mit Anfang 50 den Aufbau einer Zusatzrente anpeilt, sollte den Kapitalverzehr wählen. Sonst ist die Ziellinie realistischerweise kaum zu erreichen“


Eine Überschlagsrechnung zeigt die Ausgangslage, zunächst einmal ohne Dynamik: Der Kapitalbedarf des Angestellten für sein Wunschziel von 1000 Euro Extrarente beträgt im Jahr 2032 knapp 280.000 Euro, einen Anteil von 100.000 Euro soll die Lebensversicherung beisteuern. Bleibt unterm Strich ein Kapitalbedarf von 180.000 Euro. Bisher hat er die Rechnung allerdings ohne den Finanzminister gemacht, der diese Ziellinie wieder nach hinten schiebt.

Zwar ist die Auszahlung aus der Lebensversicherung steuerfrei, weil der Vertrag noch vor dem Jahr 2005 abgeschlossen wurde. Erträge am Kapitalmarkt unterliegen aber sehr wohl der Steuer. Zurzeit verlangt der Fiskus vom Ertrag freier Anlagen wie Fonds, Zinspapieren und Sparguthaben rund 25 Prozent Abgeltungsteuer. Um zu Rentenbeginn 2032 über 180.000 Euro nach Steuern zu verfügen, müssen daher zwischen 190.000 und 200.000 Euro angespart werden – je nach Höhe des Ertrags.

Wer es sich einfacher machen will, rechnet anders – und zieht die Steuerlast von vornherein von den erwarteten Erträgen ab. Das ist schnell gemacht, wie ein Beispiel zeigt: Der Angestellte plant für sein Depot mit einer Vorsteuerrendite von vier Prozent. Abzüglich 25 Prozent Steuern bleiben davon drei Prozent. Um das gewünschte Kapital von 180 000 Euro nach Steuern in 15 Jahren zu erreichen, beträgt die Sparrate dann 783 Euro. Voilà.