KolumneTech-Aktien - dieses Mal ist vieles anders

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Kennen Sie die teuersten fünf Wörter der Börsengeschichte? Sie lauten: „Dieses mal ist alles anders“. Mit diesem Argument versuchen Strategen gerne, selbst absurde Bewertungen zu rechtfertigen oder Ausnahmezustände zur neuen Normalität zu erklären.

Wer die Höhenflüge der so genannten „FAANG“-Aktien – ein Akronym für Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google – der letzten Jahre erlebt hat, erinnert sich etwa unweigerlich an die Technologieblase der Jahrtausendwende. Das gilt erst recht, seit die Kurse der Technologieaktien am vergangenen Freitag ins Rutschen geraten sind. War es das jetzt? Weicht nun endlich Luft aus den aufgeblasenen Werten? Denn galten nicht auch damals hohe Bewertungen und starke Kursanstiege als gerechtfertigt, weil die Branchenriesen Microsoft, Intel, Cisco und Co. eine so tolle Marktstellung hatten? Quasi über Jahre eine Wachstumsgarantie für Umsätze und Gewinn boten? Als attraktive Arbeitgeber galten wegen der Aktienoptionen?

Die Sache ging dann damals, ab März 2000, gründlich schief. Was die Frage aufwirft: Blüht uns nun ein ähnliches Schicksal?

Nun werde ich mich nicht hinreißen lassen zu diagnostizieren, dass dieses Mal „alles“ anders ist. Mit Blick auf die größten Technologieaktien ist aber sehr viel anders. Amazon, Google und andere Tech-Werte mögen derzeit keine Schnäppchen sein. Sie sind aber bei weitem nicht aufgeblasen wie die Technologieaktien zur Jahrtausendwende. Und die Bewertung zum Kaufzeitpunkt ist und bleibt weiter eine der wichtigsten Determinanten künftiger Renditen, nicht die womöglich längst eingepreisten Wachstumsfantasien.

Apple Aktie

Apple Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Investoren waren damals euphorisch

Blicken wir dazu der Einfachheit halber schlicht auf die fünf größten Technologieaktien am Silvesterabend 1999 und vergleichen sie mit den heutigen fünf „FAANG“-Aktien. Ende 1999 hatten die Börsen noch knapp drei Monate Party vor sich. Die fünf größten US-Technologieaktien hießen damals Microsoft, Cisco, Intel, Lucent und AOL. Zusammen brachten sie 1850 Mrd. US-Dollar auf die Börsenwaage, inflationsbereinigt entspricht das rund 2700 Mrd. US-Dollar in heutiger Kaufkraft.

Die fünf „FAANG“-Aktien Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google kommen heute auf zusammen knapp 2400 Mrd. US-Dollar – eine an sich schon erstaunliche Erkenntnis, die verdeutlicht, wie euphorisch die Investoren damals waren.

Genau hier enden aber schon die Gemeinsamkeiten. Addiert man die Umsätze, Gewinne, Cashflows der damaligen und heutigen „Top Fünf“-Titel in den letzten zwölf Monaten (bei den Technologiestars von damals war das in der Regel das Geschäftsjahr 1999), so waren die fünf 2000er Stars mit dem 17-Fachen ihrer Umsätze bewertet. Zum Vergleich: Die fünf „FAANG“-Aktien sind aktuell mit dem knapp Fünffachen der Umsätze bewertet. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Kurs-Gewinn-Verhältnis: Damals betrug es 80, heute 30 bei den fünf Branchenriesen. Das sind Welten.

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Bewertungen waren grotesk überzogen

Noch beeindruckender ist ein Blick auf die bilanziell schwer zu fälschende Kennziffer des freien Cashflows: hier hat alleine Apple in den letzten zwölf Monaten einen höheren Cashflow erwirtschaftet als Microsoft, Intel, Cisco, Lucent und AOL inflationsbereinigt im Jahr 1999 – dem letzten vor Platzen der Dotcomblase – zusammen.

Bezogen auf den operativen Cashflow erwirtschaften die fünf FAANG-Aktien kumuliert eine Cashflow-Rendite von knapp sechs Prozent. Zum Vergleich: Die 2000er-Stars erwirtschafteten hier bezogen auf ihren damaligen Börsenwert anämische 1,5 Prozent Cashflow-Rendite. Die US-Zinsen lagen damals aber gemessen an zehnjährigen Staatsanleihen bei sechs Prozent und heute bei lediglich gut zwei Prozent.

Auf den Punkt gebracht: Die Bewertungen zur Jahrtausendwende waren nach jahrelangen Kursanstiegen grotesk überzogen. Dabei galten die fünf größten Technologieaktien gerade wegen ihrer tatsächlichen Umsätze, Gewinne und Marktpositionen als vergleichsweise sichere „Standardwerte“.

In den heutigen Technologiekonzernen steckt mehr Substanz

Nun wird niemand den heutigen „FAANG“-Lieblingen Immunität gegen Kursstürze diagnostizieren können, zumal Technologieaktien in den vergangenen zwölf Monaten um rund 40 Prozent gestiegen sind. Ob Aktien in der Vergangenheit mal teurer waren, ist zudem kein gutes Kaufkriterium. In den heutigen Technologiekonzernen steckt jedoch bezogen auf den Börsenwert weit mehr Substanz als in den Lieblingen von damals.

Apropos Substanz: Investieren anhand des Substanzwerts von Aktien – das so genannte Value-Investing – galt 2000 als mausetot. Ertrunken in der Euphorie, weil das Internet Wachstum bei zugleich niedrigen Inflationsraten ermöglichen sollte und natürlich tolle Produktivitätsfortschritte.

Es folgten für die Value-Strategie fantastische Jahre, mit denen sich sogar die Einbrüche der Jahre 2000 bis 2003 minimieren ließen. Nun raten sie mal, was eine US-Investmentbank vergangene Woche verkündete, nachdem die „Value-Strategie“ einige katastrophale Jahre hinter sich hat im Lichte der Rally von Technologieaktien? Genau, die Value-Strategie sei „tot“. Denn, man ahnt es: Dieses Mal ist eben alles anders.


Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


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