AktienTech-Schock - schlechtes Omen für Börsen

Crashs kommen immer unerwartet, sonst wären sie ja keine. Wenn viele Börsianer eine Vorahnung hätten, dann würden sie ihre Depots vorsorglich und gemütlich umschichten, statt alle zur gleichen Zeit zu verkaufen. Panikverkäufe sorgen schließlich immer für größere Kursstürze und für große Verluste unter allen Beteiligten. So wie am Freitag vergangene Woche. Für viele Marktbeobachter kam der Absturz der Technologieaktien überraschend, so überraschend, dass viele bang fragten: War es das nun mit dem Höhenflug der Technologietitel? Erlebt die Branche gar einen neuen Supercrash wie zu Beginn des neuen Jahrtausends, als der Dotcom-Crash ein wahres Beben an den Aktienmärkten auslöste? Ja und nein, müsste man darauf wohl antworten.

Innerhalb kürzester Zeit gab der Nasdaq-Index kurz vor dem vergangenen Wochenende um mehrere hundert Punkte nach. Bis zum Montagmorgen verlor er rund 300 Punkte und sackte auf 5600 Punkte ab. Und der Kursverfall setzte sich zu Beginn der neuen Woche an vielen nationalen Technologiebörsen rund um den Globus fort. Der deutsche TecDax rauschte ebenfalls knapp 100 Punkte in die Tiefe und sackte damit knapp drei Prozent ab. Bei einigen Werten wie Siltronic nannten Händler die Verluste „dramatisch“. War es das nun also wirklich?

Erst vor wenigen Wochen hatte die Technologiebörse schließlich ihren neuen Allzeitrekord gefeiert. Sie frohlockte darüber, dass der Nasdaq im April endlich die 6000-Punkte-Marke geknackt hatte und damit den alten Höchststand von rund 5000 Punkten aus den Zeiten vor dem Dotcom-Crash endgültig hinter sich gelassen hatte. Der Index hatte sich damit nicht nur vollständig von seinem tiefen Fall erholt – endlich! Sondern es schien auch, als habe er einen neuen großen Aufstieg eingeleitet.

Nasdaq 100 Index

Nasdaq 100 Index Chart

Zugegeben, eine gewisse Skepsis war bei einigen Marktbeobachtern bereits zu spüren. Denn vor allem der rasante Aufstieg von 5000 Punkten auf 6000 Punkte ging vielen dann doch zu schnell. Nachdem der Index zuvor rund zwei Jahre lang um die 5000-er Schwelle herum mäandert war, schien es im laufenden Jahr, als habe er einen Turbo gezündet. In nur einem halben Jahr marschierte er bis zum neuen Rekordhoch durch, wo er doch zuvor ganze 17 Jahre gebraucht hatte, um die Verluste des Horrorjahres 2001 wieder aufzuholen. Allein seit Beginn diesen Jahres legte der Nasdaq-100 um 18 Prozent zu. Das ist viel. In Summe gingen sogar rund 40 Prozent der Gewinne beim S&P 500 auf das Konto der Techtitel – obwohl die von der Gewichtung her nur 13 Prozent des Index ausmachen. Bei den jüngsten Börsengängen erlösten Firmen wie Snap dann noch so viel Kapital, dass sich manche Marktbeobachter die Augen rieben und fragten: Geht hier wirklich noch alles mit rechten Dingen zu? Oder ist der Markt nicht längst zu euphorisch wie damals 2001? So gesehen müsste man sagen: Mit einem Einbruch bei den Technologiewerten hätte man rechnen können – vielleicht sogar müssen.

Die Dotcom-Blase war anders

Doch ehrlicherweise muss man auch feststellen: Anzeichen dafür, dass der Aufschwung tatsächlich zu schnell vonstatten ging und sich von der fundamentalen Entwicklung der Unternehmen abgekoppelt hat, gab es bisher nicht. Und wenn man Analysten fragt, gibt es die in den Augen vieler Marktbeobachter auch immer noch nicht. Betrachtet man den Anstieg der Tech-Werte längerfristig, so legten sie in den vergangenen zehn Jahren stetig und beachtlich zu, um 136 bis 160 Prozent, je nachdem welchen Index man betrachtet. Das sind immerhin 13 bis 16 Prozent Kurswachstum pro Jahr. Gemessen daran war der 18-Prozent-Aufschwung, seit Januar so exorbitant nicht. zudem sind die Gewinne der Technologiebranche anhaltend gut, das rechtfertigt ihre jüngsten Kurssprünge, die im Grunde eine Vorwegnahme der Gewinne sind, die noch kommen werden.

Und das ist auch der große Unterschied zu den Jahren vor dem Dotcom-Crash von 2001: Damals wuchsen bloß die Kurse und zwar dramatisch schneller als die Erträge der Firmen. Gewinne dagegen fuhren viele der gehypten und hochgejubelten Unternehmen kaum ein – oder gar nicht. Heute aber werfen Konzerne wie Amazon, Facebook, Apple und Google immerhin viele Milliarden ab. Und sie sind nicht bloß überschätze Zukunftswesen, sondern bestimmen schon heute einen Großteil der Ökonomie mit. Sie sind Giganten. Die fünf größten Unternehmen der Welt sind heute keine Banken und Ölmultis mehr, sondern Technologiefirmen. Werden also ihre Aktienkurse tatsächlich so arg überschätzt?