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  • Kolumne

Tradition ist mehr Fernsehgeld wert

, Jörn Quitzau

Die Verteilung der TV-Gelder in der Bundesliga führt zu einer paradoxen Umverteilung. Verlierer sind die Traditionsclubs. Von Jörn Quitzau

Fußballstadion in Stuttgart
Stadion in Stuttgart: Traditionsvereine wie der VfB Stuttgart werden durch den Verteilungsschlüssel für die TV-Gelder gegenwärtig benachteiligt

 


Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.deJörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de

 


Der Topf, aus dem die Fußball-Fernsehgelder fließen, ist traditionell umkämpft. Wenn pro Spielzeit im Schnitt rund 630 Mio. Euro zu verteilen sind – soviel wirft der aktuell geltende TV-Vertrag ab –, sind die Begehrlichkeiten naturgemäß hoch. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Gelder derzeit nach einem eigenartigen Schlüssel verteilt werden, gegen den jetzt Vereine wie Eintracht Frankfurt oder der HSV aufbegehren. Ihre Forderung nach mehr Geld für die sogenannten Traditionsvereine ist zwar alter Wein in neuen Schläuchen – 2008 stieß bereits BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke eben diese Diskussion an –, doch berechtigt ist die Forderung allemal.

Um die Fernsehgeld-Kontroverse zu verstehen, muss man in die Vergangenheit blicken: Für den DFB (und später für die DFL) war eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Fernsehgelder immer die Grundvoraussetzung für eine sportlich ausgeglichene Bundesliga. Deshalb vermarktet sie die Fernseh-Übertragungsrechte zentral und verteilt die Erlöse anschließend relativ gleichmäßig auf die Fußballklubs.

Verteilung sorgte für ausgeglichene Liga

Bis zur Saison 2001/2002 erhielten alle Bundesligisten, ob groß oder klein, praktisch gleich hohe Beträge aus dem TV-Topf – sozialistische Verteilungslogik im ansonsten kapitalistischen Profifußball. Diese Gleichmacherei führte zum erhofften Erfolg: Im Vergleich mit anderen europäischen Top-Ligen war die Bundesliga sportlich sehr ausgeglichen und damit für die Zuschauer in hohem Maße spannend.

Zur Spielzeit 2001/2002 wurde allerdings eine sogenannte Leistungskomponente eingeführt. Zuvor waren die Gesamterlöse aus der Fernsehvermarktung sprunghaft angestiegen (s. Abbildung). Und je mehr Geld mit der Fernsehvermarktung verdient wird, desto größer ist der implizite Verlust, den die großen Klubs durch das Regime der Zentralvermarktung erleiden. Würden nämlich die Fernsehrechte nach den Prinzipien von Markt und Wettbewerb verkauft, dann könnte jeder Klub die Übertragungsrechte an seinen Heimspielen direkt an die Fernsehsender vergeben. Traditionsklubs mit großer Fan-Basis würden massiv profitieren, Klubs mit weniger Fans müssten kleine Brötchen backen. Die Finanzschere würde sich dadurch jedenfalls weit öffnen.

In Spanien, wo die Klubs ihre TV-Rechte bisher in Eigenregie vermarkten dürfen, ist das Ergebnis eindeutig: Das Erlösverhältnis zwischen den Großen und den Kleinen lag in den letzten Jahren bei etwa 13:1. Mit anderen Worten: Der Klub mit den höchsten Einnahmen aus Medienrechten verdient ungefähr das Dreizehnfache des erlösschwächsten spanischen Klubs. In Deutschland liegt dieses Verhältnis wegen der Zentralvermarktung selbst nach Einführung der Leistungskomponente bei lediglich 2:1. Der FC Bayern München erhält für die Spielzeit 2014/15 mit 37,2 Mio. Euro also gerade mal doppelt soviel Geld aus dem Fernsehtopf wie der SC Paderborn (18,6 Mio. Euro). Die Differenz kann als Kompensation für einen kleinen Teil der entgangenen Erlöse, die der FC Bayern bei Eigenvermarktung hätten erzielen können, gewertet werden.

Der Streit über den geeigneten Verteilungsschlüssel dreht sich nun um die Frage, woran die Leistungskomponente überhaupt anknüpfen soll. Die Rebellen aus Frankfurt, Hamburg oder einst Dortmund argumentieren, die Traditionsvereine müssten mehr Geld aus dem Fernsehtopf erhalten, weil sie mit ihrer großen Fan-Basis unter anderem für hohe TV-Einschaltquoten und einen hohen Wert der TV-Rechte sorgen.

Leistungskomponente zementiert Machtverhältnisse

Das gegenwärtige System hingegen honoriert über die Leistungskomponente nicht diejenigen Klubs, die einen überdurchschnittlich großen Beitrag zum Wert der TV-Rechte leisten, sondern diejenigen, die aktuell und in den vergangenen fünf Spielzeiten sportlich erfolgreich waren. In der Fernsehgeldtabelle stehen deshalb momentan der VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und die TSG Hoffenheim vor Traditionsklubs wie Eintracht Frankfurt, dem HSV oder dem VfB Stuttgart.

Es profitieren also Klubs mit vergleichsweise mickriger Fan-Basis, die durch finanzstarke Partner (Sponsoren, Mäzene etc.) und durch gutes Management zu sportlichem Erfolg gekommen sind und die ohnehin nicht gerade zum Armenhaus der Liga gehören. Ohne Leistungskomponente handelte es sich bei den Fernsehrechten um die klassische vertikale Umverteilung von oben nach unten, von Reich zu Arm; jetzt wird vertikal, horizontal und diagonal umverteilt, aber nicht mehr zwangsläufig von oben nach unten.

Momentan trägt die Leistungskomponente eher zur Zementierung der tabellarischen Verhältnisse bei und bewirkt damit paradoxerweise das Gegenteil dessen, was mit der Verteilung der TV-Erlöse ursprünglich erreicht werden sollte. Wollte man mit einem Finanzausgleich der „Geld schießt Tore“-Spirale konsequent entgegenwirken und wirklich von oben nach unten umverteilen, müssten ohnehin sämtliche Erlöskategorien (und nicht nur die Fernsehgelder) in den Finanzausgleich einbezogen werden – unabhängig von Tabellenständen.

Doch das wäre eine Revolution, mit der man besser nicht rechnen sollte. Also wird die Diskussion um die Leistungskomponente weiter gehen. Die Traditionsvereine haben dabei die besseren Argumente auf ihrer Seite, denn sie machen die Bundesliga interessant und die Fernsehrechte werthaltig – egal, ob sie im Meisterschaftskampf mitmischen oder gegen den Abstieg kämpfen.


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