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Für den Erfolg: Diener statt Moralapostel

, Torsten Osthus

Trump, Erdogan, VW: Im Moralisieren sind wir Deutschen ganz groß. Doch der Preis dafür ist hoch, zu hoch. Von Torsten Osthus

"Nope": Anti-Trump-Demonstration in Berlin © dpa
"Nope": Anti-Trump-Demonstration in Berlin

Wie viele Moralapostel schwingen gerade weltweit die Keule – gegen Donald Trump, Recep Erdogan, Großbritannien, Volkswagen, Flüchtlinge … Allen voran Europa und als moralisierender Oberhäuptling: die Protagonisten in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Bundesministerin der Verteidigung Ursula von der Leyen etwa zeigte sich nach der Wahl des US-Präsidenten schwer schockiert, was dazu führte, dass sie dem neuen Geschäftspartner nicht professionell auf Augenhöhe begegnete, sondern sich in die Opferrolle begab. Ist der Fokus auf gemeinsame Werte der Beziehung nicht deutlich wichtiger? Auch Karl-Theodor zu Gutenberg meldet sich wieder mal zu Wort: Er fängt ebenfalls an zu moralisieren und gegen die türkische Regierung zu hetzen. Gerade der, urteilen viele mit Blick auf seinen „copy and paste“ begründeten Rücktritt vor einigen Jahren. Geht es hier um die Sache oder ums Ego?

Wirtschaftsbosse, Politiker und so mancher Volkswagenfahrer predigen gegen Volkswagen und die Dieselmachenschaften der anderen Autobauer. Die moralisierende Masse versucht es den Amerikanern mit Klagen und Rücknahmeforderungen gleichzutun und nimmt billigend in Kauf, damit ein erfolgreiches Unternehmen fast zu zerstören. Stimmt da die Verhältnismäßigkeit? Für mich nicht!

Haben die allesamt nichts Besseres zu tun? Wie lange kann es sich die – noch – führende Wirtschaftsnation in Europa leisten, den Moralapostel zu spielen?

Dem Untergang geweiht

Für mich steht außer Frage, dass Fehler Konsequenzen haben müssen, und mir liegt fern, irgendwem den Mund zu verbieten. Ich möchte auch nicht darüber urteilen, dass Gerechtigkeit und Solidarität gut und Profit und Gier schlecht sind. Doch ob Politik, Wirtschaft oder Privatleben: Erfolg und Entwicklung basieren auf Pragmatismus, Professionalität und Verantwortung.

Moralisieren hingegen ist verlogen und beschwört lediglich den Untergang herbei, weil das Ego im Vordergrund steht und das Verhalten nicht auf Wirkung gerichtet ist. Kein Mensch mag das gerne hören. Doch jeder Moralapostel zieht sich durch die Beschwörung der moralischen Instanz aus der Verantwortung und verortet sie auf der nächsthöheren Instanz der Gesellschaft. Das gibt ein gutes Gefühl, schließlich begibt sich der Akteur damit auf die moralische „Gut-Seite“, ist der Gutmensch.

Wie viel Interesse hätten Sie daran, die Beziehung zu Geschäftspartnern aufrechterhalten, die ständig ihren mahnenden Zeigefinger auf alles und jeden richten? Wie sehr vertrauen Sie Menschen, die Sie ständig öffentlich an den Pranger stellen? Also ich gar nicht!

Wenn der Freund die Trennung einreicht

Wie in jeder Beziehung ist es schmerzlich, wenn es Krisen gibt, oder sich die Partner sogar entzweien. Ob Europa und Großbritannien, Deutschland und Amerika, Geschäftspartner oder in einer Paarbeziehung – im ersten Moment herrscht eine hochgradige Irritation. Das Zusammenleben und -arbeiten wird nicht mehr so sein wie vorher. Na und! Dann heißt es, professionell Weitermachen, auf die Sachebene konzentrieren und das verletzte Ego Ego sein lassen. Die Welt ist im Wandel und ich erzähle Ihnen sicher nichts Neues, wenn ich behaupte: Wer Nutzen erzeugen will, muss von dem ausgehen, was vorhanden ist und sich auf die Sache und Fakten konzentrieren.

Und die stellen sich nun mal wie folgt dar: Die Eckpfeiler für den wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland bröckeln. Die deutsche Automobilindustrie verliert an Gewicht, in Bio- und Gentechnik spielt die Bundesrepublik bis auf wenige Ausnahmen keine Rolle, das Bankensystem ist viel zu fragmentiert, um relevant zu sein, bei allen neuen Technologien sieht es ziemlich grau, wenn nicht schwarz aus. Das größte Potenzial hat gegenwärtig der Mittelstand mit seinen Hidden Champions in Nischenbranchen – als eines der verlässlichen Güter der Nation. An diesem Ast zu sägen, dürfte ziemlich bittere Folgen haben.

Fakt ist auch: Der Brexit und die Amtshandlungen des US-Präsidenten werden die politische Situation weltweit verändern. Nicht nur, dass Lügen hoffähig geworden ist und Regieren über Twitter Usus zu werden scheint. Der Schulterschluss Großbritanniens mit den USA wird die Machtverhältnisse weiter verschieben. Schließlich kann sich das Vereinigte Königreich ganz ohne Sprachbarriere einen 300-Millionen-Menschen-Markt erschließen.

Warum ist das so schwer anzuerkennen? Die Realitäten anzuerkennen, heißt schließlich nicht, sich selbst zu verraten. Es ist sogar frevelhaft, es zu unterlassen – mit verheerenden Auswirkungen für die Wirtschaft und damit für jeden Einzelnen von uns.

[Seitenwechsel]

Moralapostel-Dasein kostet

Schließlich geht Moralisieren zumeist einher mit einem innerlichen und in den Handlungen sichtbaren Widerstand. Diese Gegenbewegung führt jedoch zu nichts anderem als zur Entkopplung von der Realität. Wenn Europa auf die Veränderung der inländischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den USA und Großbritannien nicht mit mehr Einigung untereinander und Führung in den Kernthemen Infrastruktur, Verteidigung und Wirtschaft in der EU reagiert, endet dies im „veralteten“ Europa.

Denn wenn sich die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich vereinen, bilden sie eine gewaltige Finanzmacht. Und Geld regiert die Welt. Das ist für manche moralisch verwerflich, aber Realität. Früher im Tauschhandel, heute an den Finanzmärkten mit entsprechendem Einfluss auf die Rahmenbedingungen der Wirtschaft. Und wenn Sie ehrlich sind, über Geld reden vor allem diejenigen schlecht, die das größte Problem damit haben.

Wenn Politiker und Unternehmer gleichermaßen an ihrem protektionistischen Denken festhalten, gegen die Macht des Faktischen arbeiten, partout ihr Terrain abschirmen und keine Veränderung zulassen, wird dieser Kampf gegeneinander in Fiktion, Entropie und Energieverlust enden. Genauso wie das Verhalten, den Moralapostel raushängen zu lassen, Gerechtigkeit und Solidarität zu fordern und auf Gleichmacherei zu pochen – das muss sich ein Unternehmen beziehungsweise ein Staat erst einmal leisten können. Für diese sinnlosen Aktivitäten müssen die Beteiligten nämlich viel Raum schaffen und Ressourcen freimachen. Das kostet.

Dieses Gegeneinander ist für mich reine Selbstbeschäftigung und die ist keinesfalls auf Wirkung ausgerichtet. Ergo: Wer keine Wirkung erzielt, kann nicht erfolgreich sein. Und: Wer nicht erfolgreich ist, kann sich diese Schlacht gar nicht leisten.

Der adelige Diener

Um weiter erfolgreich zu bleiben und nicht im Sandwich zwischen den USA und Großbritannien sowie Asien zu landen, kann die Antwort Europas respektive Deutschlands nur sein: Auf die eigenen Stärken besinnen, Innovationen vorantreiben und Europa attraktiv machen.

Denn erfolgreiche Unternehmen zeigen, dass es sich lohnt, den Wandel mitzugestalten anstatt ihn zu bekämpfen. Eine evidente Tatsache ist, dass Erfolg von der eigenen Haltung abhängt. Wenn Sie also mehr Wirkung erzielen wollen, dienen Sie. Ja, machen Sie sich zum Diener des Ganzen – auch wenn das Wort „dienen“ einen schlechten Ruf hat und kein Mensch ein Untergebener sein will. Doch Dienen kann auch etwas Edles sein, etwas, das adelt. Denn es bedeutet, die Interessen des Ganzen in den Fokus zu nehmen und sich für etwas einzusetzen, das größer ist als man selbst. Nach dieser Definition sind auch Friedrich der Große, Angela Merkel und Donald Trump Diener – nämlich Diener des Staates und des Volkes.

Die Führung eines Staates innezuhaben scheint mir gewaltig genug. Schon die Führung eines Unternehmens ist mehr als ausfüllend. Daher ist mir schleierhaft, wie nebenbei auch noch Zeit bleibt, den Moralapostel zu spielen, und seine Energie zu verbrennen für eine moralisch höhere Instanz anstatt den Fokus auf die eigene Wirkung zu legen.

Wenn die Europäer erkennen würden, dass sie die Veränderungen durch den Brexit, die US-Wahl und den jüngsten Ausführungen von Erdogan verbinden und ihnen das Gefühl für ein gemeinsames Warum geben, könnten sie gemeinsam mit Werten Wirkung erzeugen.


Torsten Osthus ist Unternehmer und Autor. Sein Appell: Mehr Verantwortung für die Mitarbeiter. Wie das gelingen kann, beschreibt er in seinem Buch „Chefsache Empowerment“. Hier können Sie ihm auf Twitter folgenTorsten Osthus ist Unternehmer und Autor. Sein Appell: Mehr Verantwortung für die Mitarbeiter. Wie das gelingen kann, beschreibt er in seinem Buch „Chefsache Empowerment“. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen



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