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CoBa auf dem Weg zur digitalen Industrialisierung?

, Dirk Elsner

Durch die Beteiligung am Fintech-Startup Iwoca will die Bank die eigene Digitalisierung vorantreiben. Das lässt aufhorchen. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


Diese Kolumne erscheint unter dem Titel Finanzevolution. Evolution stammt ja vom lateinischen evolvere für ausrollen, entwickeln, ablaufen. Darunter kann man die allmähliche Entwicklung eines beliebigen Systems verstehen, d. h. eines Systems, das auf äußere Einflüsse reagiert, und zwar abhängig von den in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen (Jan Zrzavý et al.). Eine Erkenntnis der Evolutionstheorie ist, dass Gattungen, die mehr Varianten bilden, sich schneller an unterschiedliche Umweltbedingungen anpassen können als diejenigen, die unveränderte Ableger bilden.

Ich hatte bereits kürzlich in einer Kolumne darauf hingewiesen, dass es für Banken nicht die eine Antwort auf die digitale Herausforderung geben kann. Keine noch so teure Analyse kann herausarbeiten, welche Einzelstrategie und welches Geschäftsmodell morgen und übermorgen das Überleben sichert.

Vor diesem Hintergrund ist die Commerzbank derzeit das spannendste Institut in Deutschland, denn die Bank probiert die meisten Variationen in Richtung Digitalisierung. Sie wagt etwa über die Töchter Comdirect und vor allem über die polnische mBank große Schritte in Richtung digitaler Leistungen und Geschäftsprozesse. Das Frankfurter Institut befasst sich in der Kernbank mit der digitalen Weiterentwicklung und hat in den letzten Jahren zwei Gesellschaften gegründet (main incubator und CommerzVenture), die sich an Unternehmen der Financial Technologie (FinTech) beteiligen.

Vergangene Woche gab CommerzVenture bekannt, dass man sich zusammen mit anderen Beteiligungsgesellschaften an einer Serie-B-Finanzierung mit 20 Mio. US Dollar an Iwoca beteiligt habe. Iwoca steht für “instant working capital” und bezeichnet sich als Kreditplattform, die nach eigener Darstellung in ganz Europa Selbständigen & kleinen Unternehmen flexible Kredite anbietet. Das 2012 von Christoph Rieche und James Dear gegründet Unternehmen hat seinen Hauptsitz in London und ist derzeit in vier europäischen Märkten aktiv: Großbritannien, Deutschland, Polen und Spanien. Im vergangenen Jahr hatte sich bereits Global Founders Capital, der Fonds der Rocket-Internet-Gründer Oliver und Marc Samwer, an der Kreditplattform beteiligt. Nach einem Bericht der britischen Ausgabe von Business Insider soll die Finanzierung es möglich machen, das Kreditvolumen auf zusätzlich bis zu 150 Millionen Dollar zu erhöhen.

Das Unternehmen ist keine Bank und verfügt auch nicht über eine entsprechende Lizenz. Zumindest juristisch, das kann man den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Unternehmens entnehmen, vergibt es die Kredite nicht selbst. Diese geschieht über "Partnerbanken“, darunter versteht das Unternehmen inländische Kreditinstitute, deren Darlehensangebote es vermittelt. Weiter heißt es

“Wir gewähren selbst keine Darlehen und es können bei uns auch keine Konten eröffnet werden. Im Falle einer Kreditvermittlung kommt ein Darlehensvertrag ausschließlich zwischen dem Darlehensnehmer (Ihnen) und dem Kreditgeber (Bank) zustande.“

Solche Konstruktionen sind seit Jahren geübte und akzeptierte Praxis im FinTech-Segment, um die hohen bankaufsichtsrechtlichen Hürden zu überspringen. Aber das ist gar nicht das Bemerkenswerte an Iwoca und der CommerzVentures-Beteiligung. Ich mag mich täuschen, aber meines Wissens ist dies die erste Beteiligung einer traditionellen deutschen Bank an einem Unternehmen, das ein alternatives Kreditrisikobewertungsmodell entwickelt hat und auf dieser Basis einen industriellen Abwicklungsprozess für Standardfinanzierung bietet. Iwoca dürfte also für die Commerzbank nicht nur interessant sein, weil man sich über das Unternehmen mittelfristig neue Geschäftsmodelle sichert, sondern auch weil man hier viel  Erfahrungen mit neuen Bewertungstechnologien und über die “digitale Industrialisierung” des Bankgeschäfts “einkauft”.

Nach eigener Darstellung kann Iwoca mit seinem Risikomodell das Risikoprofil von Unternehmen auf Basis von Echtzeitdaten ermitteln. “Die Daten stammen von kooperierenden Filialbanken, Online-Plattformen wie Amazon, eBay, PayPal, Sage Pay und weiteren Quellen, zum Beispiel den Geschäftsdaten der Kreditnehmer sowie personen- und firmenbezogenen Bonitätsauskünften. Dadurch kann Iwoca innerhalb weniger Stunden Kredite von bis zu 150.000 US-$ auszahlen (in Deutschland bis zu 55.000 US-$).” 

Iwoca verfolgt damit ein ähnliches Modell wie das bekannte Hamburger Unternehmen Kreditech oder das erst im vergangenen Jahr gegründete Spotcap. Spotcap vergibt in Spanien und den Niederlanden Kredite an kleine Unternehmen in Höhe von 500 Euro bis zu 100.000 Euro. Anders als beim P2P-Lending vergeben hier die Plattformen wirtschaftlich die Kredite selbst. Sie haben dabei eigene Algorithmen zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit entwickelt. Spotcap soll nach einem Medienbericht für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit u.a. Amazon- oder Ebay-Konten auswerten.

Warum sind solche Modelle für Banken lohnenswert? Paul Morgenthaler erklärt in einem Eintrag auf LinkedIn, warum CommerzVenture das Modell interessant findet: In Europa seien mehr als 20 Millionen kleine Unternehmen und 30 Millionen Selbständige von traditionellen Banken unterversorgt. Die Kostenstrukturen traditioneller Banken seien auf diese Kunden, die kleine Darlehenssummen über kurze Zeiträume benötigen, nicht vorbereitet. Folglich würden viele potenzielle Kunden nicht einmal versuchen, von ihrer Bank ein entsprechendes Darlehen zu bekommen. Zwar sind diese Erkenntnisse, dass Unternehmen nicht mehr gern über Banken finanzieren, allseits bekannt, ich erinnere mich freilich nicht, dass jemand aus einem Bankkonzern das so deutlich ausgesprochen hat.

Im Newsletter der Fachzeitschrift “Die Bank” war kürzlich so lesen, dass die durchschnittliche Großbank im Kreditgeschäft zwischen 20 und 50 Systeme mit einem durchschnittlichen Alter von 20 Jahren besitzt und daher in einer endlosen Komplexitätsschleife feststeckt, die jede Veränderung mit hohen Kosten belegt. Dazu kommt, dass viele Kreditprozesse manuelle Haltepunkte beinhalten. Das verlängert den Zeitraum zwischen Antrag und Auszahlung und kostet natürlich. Hier punkten die Kreditplattformen mit schlanken und hoch standardisierten Prozessen und konkurrenzlos niedrigen Bearbeitungsstückkosten.

Klar, wie gut die Algorithmen sind, die hinter Kreditentscheidungsprozessen von Iwoca, Kreditech oder Spotcap oder den P2P-Lendingplattformen sind, bleibt verborgen. Längst nicht alle Unternehmen bieten die von LendingClub gewohnte Transparenz über die Qualität vergangener Risikoeinstufungen. Aber diese Transparenz müssen diese Unternehmen auch nicht bieten, denn sie verleihen ihr eigenes, und Banken veröffentlichen schon gar nicht die Erfolgsdaten ihrer Bewertungen. Aber Kreditech (und ich vermute mal ebenso Iwoca und Spotcap) passen ihre Algorithmen ständig auf Basis ihrer Erfahrungswerte an. Gut möglich, dass sie in der Qualität eines Tages (oder vielleicht schon jetzt) klassische Scoringmodelle, wie das der Schufa oder traditioneller Ratingagenturen übertreffen. 

Ich denke, wir sollten uns das Buzzwort von der “digitalen Industrialisierung” merken. Banken können viel von den FinTechs über das Servicedesign standardisierter Produkte lernen. Ob sie davon auch profitieren werden, ist eine andere Frage.


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