KolumneDie Helden des VW-Skandals

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Wer sich über den Stand der Ermittlungen gegen den VW-Konzern informieren will, sollte die Anklageschrift des New Yorker Generalstaatsanwalts Eric Schneiderman lesen. Seit letzter Woche liegt sie vor. Auf 90 Seiten listet die Behörde detailliert auf, was bisher über den jahrelangen Diesel-Betrug bekannt ist. Schneiderman bietet zwar keine sensationellen neuen Erkenntnisse über die Verantwortung des VW-Vorstands in der ganzen Affäre, aber seine Zusammenschau zeigt zum ersten Mal das ganze Ausmaß der kriminellen Machenschaften im Konzern. Natürlich gilt nach wie vor auch in diesem Fall: in dubio pro reo. Eine Anklageschrift ist kein Urteil – erst recht nicht in den USA. Trotzdem kann man schon jetzt sagen: Schneiderman und seine Mitarbeiter treiben die Aufklärung des Betrugsfalls voran wie niemand sonst. Sie sind die eigentlichen, ja die einzigen Helden der fortlaufenden Untersuchung.

Die Geschichte wiederholt sich: Wieder einmal sind es Mitarbeiter amerikanischer Justizbehörden, die deutsche Konzerne zu Sitte und Ordnung zurückzwingen wollen. Genau so war es vor Jahren schon bei den beiden großen Korruptionsfällen bei Daimler und Siemens oder zuletzt auch bei der Aufarbeitung von zahlreichen Verstößen in deutschen Banken. Unsere Justiz spielte und spielt in all diesen Fällen nur eine Nebenrolle. Im Fall VW ermittelt zwar auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Doch das kann dauern.

Deutschen Staatsanwälte oft überfordert

Amerikanische Staatsanwälte gehen härter vor und liefern daher schnellere Ergebnisse. Sie verfügen in der Regel über mehr wirtschaftlichen Sachverstand als ihre deutschen Kollegen. Und sie konzentrieren sich mit aller Kraft auf große Fälle und schließen bei weniger wichtigen Strafsachen viel schneller Vergleiche. Man nennt es Prozessökonomie. Die Amerikaner verstehen sich im strengsten Sinne als Partei vor Gericht. Niemand verlangt von amerikanischen Staatsanwälten wie von deutschen, auch entlastende Tatbestände für die Angeklagten zu ermitteln. Man kann vieles an diesem System kritisieren. Aber gerade in komplexen Wirtschaftsverfahren liefert es bessere Ergebnisse als in Deutschland.

Bei uns endeten in den letzten Jahren viele große Wirtschaftsverfahren im Nichts. Einer der wesentlichen Gründe dafür liegt in unklaren Gesetzen – beispielsweise wenn es um den Tatbestand der Untreue eines Vorstands geht. Aber zugleich waren die deutschen Staatsanwälte oft auch sichtlich überfordert, eine Schneise in Millionen von Daten zu schlagen, die sie für einen Prozess zusammengetragen hatten.

Deutsche Unternehmen spielen gegenüber unseren Staatsanwälten oft auf Zeit. Das kann man in diesen Wochen auch bei VW beobachten. Die Folgen sind jedoch kontraproduktiv: Durch ihr eigenes Verhalten drängen die deutschen Konzerne die amerikanische Justiz geradezu in die Rolle des Chefaufklärers. Gleichzeitig verbreiten viele deutsche Manager hinter vorgehaltener Hand alle möglichen Verschwörungstheorien über die Amerikaner, die angeblich nur gegen Ausländer so scharf vorgehen wie jetzt gegen VW. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn wir selbst für Aufklärung sorgten, brauchten wir nicht auf Männer wie Schneiderman zu warten. Schande über uns!

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