KolumneMisstrauen Sie Deutschland!

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Wer ein Depot mit vornehmlich deutschen Aktien besitzt, hört die Einschläge allmählich näherkommen oder hat schlimmstenfalls bereits bittere Verluste erlitten: die deutschen Banken – nur noch ein Schatten früherer Tage an der Börse. Die Aktienkurse der Energieversorger, die noch immer ein neues Geschäftsmodell suchen – am Boden. Und nun stehen auch die Autokonzerne Volkswagen, Daimler und BMW durch den Dieselskandal und technologische Umbrüche vor der größten Herausforderung der vergangenen Jahrzehnte.

Dem gegenüber steht ein DAX, dessen Wert sich seit 2009 mehr als verdreifacht hat. Ist das eine von billigem Geld und naivem Optimismus aufgepumpte Blase?

Dafür gibt es kaum Belege. Gemessen an der reinen Kursentwicklung ohne Dividenden hat der Dax in den vergangenen 20 Jahren im Schnitt gerade einmal knapp drei Prozent und in den vergangenen zehn Jahren knapp ein Prozent pro Jahr zugelegt. Die Cashflow-Rendite im Dax liegt im Schnitt bei elf Prozent. So sieht auch bei sehr niedrigen Zinsen keine Blase aus, zumal Banken, Versorger und Automobilhersteller zusammen im Dax auf eine Gewichtung von nur noch 18 Prozent kommen.

Deutschland ist ein kaum beackertes Feld

Capital 09/2017
Die aktuelle Capital

Kluge Anleger sollten dennoch nicht den Fehler begehen, mit ihren Anlagen ausschließlich im Land zu bleiben. Auch wenn es Deutschland fantastisch geht. Und auch wenn Berater Auslandsengagements meist per se als riskanter betrachten als Inlandsanlagen. Denn wenn schon das Erwerbseinkommen, die Ersparnisse, Versicherungsansprüche und wahrscheinlich auch der Immobilienbesitz in Deutschland liegen, vergrößern deutsche Aktien und Anleihen das Klumpenrisiko zusätzlich.

Zwar sind der Aufstieg und Fall oder gar das Verschwinden ganzer Branchen nicht die Ausnahme, sondern die Regel in der Börsengeschichte: 2007 hatte der Dax eine Schlagseite hin zu Finanzwerten, zur Gründung 1987 hin zu Chemiewerten, rückberechnet in den 50er- und 60er-Jahren zu Industrietiteln. Je nach Land sind zwischen 60 und 90 Prozent der Industrien, die noch im Jahr 1900 die Börsen dominierten, schlicht ausgelöscht oder bedeutungslos, darunter Kerzen-, Streichholz- und Lokomotivhersteller und Eisenbahnkonzerne.

Dummerweise gilt das Gleiche auch für ganze Länder. Es muss nicht gleich die Enteignung sein, die Aktionäre einst in Russland oder China und selbst in der jüngeren Vergangenheit in Südamerika erlitten haben. Auch lange wirtschaftliche Stagnation und eine relativ schwache Kursentwicklung reichen schon: Seit 1990 hat sich das Gewicht Japans am globalen Aktienindex MSCI World gefünftelt. Einst bedeutsame Volkswirtschaften und Aktienmärkte wie Südafrika oder Argentinien sind zu Nischenmärkten geschrumpft.

Trotz der geopolitischen Spannungen, die unübersehbar wachsen, ist es daher nicht mutig oder gar riskant, große Teile seines Anlagevermögens global anzulegen. Riskant ist vielmehr, es nicht zu tun.


Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


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