KolumneWarum Anleger mit dem Risiko leben müssen

Händler an der Frankfurter Börse: In unsicheren Zeiten heißt es, Nerven bewahren dpa

Vielleicht hat der Mensch ein gestörtes Verhältnis zum Risiko. Wie ließe sich sonst erklären, dass er mit Fallschirmen von Bergen und Bürotürmen springt, obwohl Basejumper im Schnitt eine Restlebenserwartung von drei Jahren haben? Wieso fahren so viele Geschäftsleute mit der Bahn, obwohl jeder vierte Fernzug Verspätung hat? Und warum heiraten jedes Jahr über 400.000 Paare, wo doch die Scheidungsrate bei 40 Prozent liegt? Solche Risiken gehen wir ein, wenn es um Leib, Leben und Karriere geht. An anderer Stelle aber wagen wir: nichts. Beim Geld nämlich.

Da sagt zwar die Hälfte der Anleger, sie würde etwas riskieren, um voranzukommen. Doch sollen sich Anleger zwischen Sicherheit und Rendite entscheiden, wählen acht von zehn laut einer Umfrage der Investmentgesellschaft Natixis die Sicherheit. Trotz Nullzinsen. Trotz zehnjährigem Bullenmarkt. Und obwohl zwei Drittel von ihnen sagen, sie stünden finanziell gut da und verstünden Finanzprodukte wie ETFs.

Ist das nun hasenfüßig oder eher clever, gerade weil der Boom an den Börsen schon so lange anhält? Zumindest lässt sich erklären, woher die Risikoscheu kommt, sagen Verhaltensökonomen. Jeder von uns hat eine gewisse Risikoneigung, die ein Leben lang recht konstant bleibt. Aber: Nicht sie bestimmt, ob wir uns von Bergen stürzen, in Ehen oder Kapitalmärkte. Das machen wir von anderen Faktoren abhängig: davon, als wie riskant wir eine Sache zuvor erlebt haben, und davon, in welcher Lebenssituation wir gerade stecken.

Risiko aushalten

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Wer also viel Freude beim Fallschirmspringen hatte, der wird leichter zum Basejumper, als derselbe Mensch zum Aktiensparer wird, wenn er bei den Crashs von 2001 oder 2008 viel Geld verloren hat. Besonders jene, die in den 70er-Jahren aufwuchsen – mit Hochzinsen und Geldentwertung –, rechnen ein Leben lang mit Inflation und hohen Sparzinsen, sagen die Ökonomen Ulrike Malmendier und Stefan Nagel. Deshalb klammern sich Millionen Deutsche wohl weiter an ihr Sparbuch.

Was aber heißt das für jene, die in diesen unsicheren Zeiten mit Fonds und ETFs ein Risiko eingehen? Vor allem, wenn der nächste Absturz kommt? Sie machen es richtig, sagen Finanzpädagogen, weil sie sich an Schwankungen und Risiken gewöhnen. Je länger jemand das Auf und Ab miterlebt, desto eher behält er beim nächsten Crash die Nerven.

In der Krise 2008 passierte nämlich Erstaunliches, ermittelten die Ökonomen Martin Weber und Daniel Dorn. Anleger, die den letzten Crash miterlebt hatten, blieben relativ ruhig, weil sie ahnten, dass der nächste Boom folgt. Neuanleger dagegen, die vorher nur Aufwärtszeiten gekannt hatten, reagierten panisch: Sie flohen entweder aus dem Markt – oder schichteten ihre eigentlich robusten, fondslastigen Portfolios stärker in riskante Einzelaktien um. Warum? Sie hatten geglaubt, dass Fondsmanager alle Risiken fernhalten. Als sie begriffen, dass das nicht stimmt, wollten sie die Risiken lieber selbst in die Hand nehmen. Ähnlich überstürzt könnten beim nächsten Crash übrigens Anleger reagieren, die irrtümlich glauben, ihre ETFs seien krisenfester als der Gesamtmarkt.

Merke: Das Risiko an den Börsen lässt sich nicht ausschalten. Aber minimieren – und aushalten.

 


Nadine Oberhuber ist Capital-­Korrespondentin in München. In ihrer Kolumne schreibt sie jeden Monat über die Freude und die Last mit der Geldanlage und der Altersvorsorge.