GastbeitragZweiter Lockdown: ein Rückschlag, aber kein K. o.

Nicht viel los auf dem Alexanderplatz in Berlin. Der zweite Lockdown wird die Wirtschaft aber nicht so hart treffen wie der ersteimago images / Sabine Gudath

Der Teil-Lockdown der deutschen Wirtschaft, der zunächst bis Ende des Monats aufrechterhalten werden soll, wird die wirtschaftliche Dynamik im November definitiv bremsen. Notwendig geworden sind diese erneuten Einschränkungen, um die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems angesichts der zuletzt stark angestiegenen Zahl der Corona-Erkrankten sicherstellen zu können.

Auch wenn es damit zu einem gewissen Déjà-vu kommt, ist ein ähnlich starker Konjunktureinbruch wie im Frühjahr dieses Jahres nicht zu erwarten. Dies liegt daran, dass diesmal nur ein kleinerer Teil der Wirtschaft von den Einschränkungen betroffen ist. So treffen die nun in Kraf tretenden Kontaktbeschränkungen Dienstleistungsunternehmen aus den Bereichen Gastronomie, Reisen, Freizeit, Sport und Kultur.

Im Unterschied zum ersten Lockdown bleiben aber große Teile des öffentlichen Lebens von Beschränkungen ausgenommen, dazu zählen u.a. Schulen und Kindergärten. Auch die Geschäfte bleiben geöffnet, und im Unterschied zum Frühjahr sind die Unternehmen diesmal nicht von einer Unterbrechung der Lieferketten betroffen. Da der Import von Vorleistungsgütern aus China keinen Einschränkungen unterworfen ist, kann weiter produziert werden, und Unternehmen müssen nicht wie im Frühjahr zwangsweise ihre Produktion ruhen lassen. Zudem sind Privathaushalte und Firmen im Umgang mit dem Virus und der Handhabung von Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen schon etwas geübter. Einen „double dip“, also eine erneute tiefe Rezession wie im Frühjahr, erwarten wir somit nicht.

Genaue Vorhersagen sind derzeit nicht möglich

Allerdings ist es derzeit so gut wie unmöglich, das genaue Ausmaß des wirtschaftlichen Rückschlags zu bemessen. Dies liegt auch daran, dass noch nicht mit Sicherheit feststeht, ob der Lockdown tatsächlich wie geplant nach einem Monat aufgehoben werden kann. Je länger er jedoch andauert und je mehr Wirtschaftszweige Einschränkungen unterzogen werden müssen, desto größer ist der wirtschaftliche Schaden, der angerichtet wird.

Das Beispiel der USA, die im Juli und August ihre zweite Infektionswelle erlebt haben, hat jedoch gezeigt, dass gezielte und zeitlich beschränkte wirtschaftliche Beschränkungen wesentlich geringere ökonomische Schäden angerichtet haben als die allgemeinen und sehr umfassenden Einschränkungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens im April und Mai. Von daher rechnen wir für die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal nur mit einem leichten Rückgang des realen Bruttoinlandsproduktes.

Ein Impfstoff wird eine neue Dynamik entfachen

Im Unterschied zum Frühjahr, als beispielsweise die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe auf unter 40 Punkte und der für den Dienstleistungssektor auf unter 20 Punkte abstürzten, liegen die Werte kurz vor dem Beginn des Lockdowns bei 58 bzw. 49 Punkten. Die Frühindikatoren werden sich zwar vermutlich abschwächen, einen derart kräftigen Rückgang wie im April und Mai halten wir aber für unwahrscheinlich. Da zugleich die Konjunkturerholung im dritten Quartal deutlich stärker ausgefallen ist als erwartet, ergibt sich für unsere wirtschaftliche Gesamtjahresprognose nur ein geringer Anpassungsbedarf von -5,3 auf -5,6 Prozent.

Wie im dritten Quartal 2020 wird es nach Beendigung der wirtschaftlichen Beschränkungen zu einer deutlichen Erholung der Wirtschaft kommen. Da zudem spätestens im Verlauf des ersten Quartals 2021 ein Corona-Impfstoff bereitstehen sollte, dürfte dieser das Vertrauen der Unternehmen und der Privathaushalte derart stützen, dass schon in der zweiten Jahreshälfte das wirtschaftliche Vorkrisenniveau wieder erreicht werden und das deutsche BIP dann im Gesamtjahr 2021 um 5,9 Prozent gegenüber 2020 zulegen könnte. Für Wirtschaft und Kapitalmärkte gilt somit: Keine Angst vor einem zweiten Lockdown!

 


Carsten Klude ist Chefvolkswirt von M.M.Warburg & Co. Bei Capital schreibt er regelmäßig zu Konjunktur- und Makrothemen. Weitere Beiträge von Carsten Klude