Capital-History

History-SerieWie der Zündholzkönig Ivar Kreuger die ganze Welt täuschte

Der „Leonardo“ des Betrugs? Ivar Kreugers öffentliches Bild ist so rätselhaft wie das Lächeln der Mona Lisa
Der „Leonardo“ des Betrugs? Ivar Kreugers öffentliches Bild ist so rätselhaft wie das Lächeln der Mona LisaGetty Images

Der Mann, der vielleicht Deutschland retten wird, sitzt allein im Hotel Adlon und isst Schokosoufflé und Kaviar, Fleischbrühe und dann ein Eis. In dieser Reihenfolge. Warum bloß in dieser Reihenfolge? Wie so oft bei Ivar Kreuger gilt: Über die Antwort könnte man höchstens spekulieren.

Klar ist: Der mysteriöse Wirtschaftszauberer aus Schweden, den sie in aller Welt „The Match King“ nennen – was mit „Zündholzkönig“ nur sehr dürr übersetzt ist –, hat dem deutschen Finanzminister an diesem 26. Oktober 1929 einen Langfristkredit von 125 Mio. Dollar zugesagt. Den größten Kredit, den je ein Privatmann an einen Staat vergeben hat.

Deutschland braucht das Geld dringend, denn seine junge Demokratie steht schon wieder mit dem Rücken zur Wand. Sie hat im Sommer mit den Siegern des Weltkriegs ein Vertragspaket ausgehandelt, das allen Streit um Reparationen und Besatzung endgültig abschließen soll.

Geschenk des Himmels

Doch der große Architekt der Versöhnung, Gustav Stresemann, ist vor Kurzem gestorben. Die extreme Rechte, die seit Neuestem einen gewissen Adolf Hitler feiert, fordert eine Volksabstimmung über den sogenannten Young-Plan. Die Wirtschaft schwächelt, der Staat ist blank. Kreugers Kredit ist für Berlin ein Geschenk des Himmels. Auch wenn er dafür ein Zündholzmonopol verlangt. Dass auch der „Match King“ mit dem Rücken zur Wand steht, dass auch für ihn dieser Deal die Rettung sein soll, ahnen nur wenige.

Kreuger, der in ein paar Monaten 50 Jahre alt wird, hat in den Roaring Twenties ein globales Wirtschaftsimperium geschaffen, dem die scheinbar endlose Rally an der Wall Street immer neue Mittel zufließen ließ. Seit aber die Börsen wackeln, schwindet das Vertrauen der Anleger und Banken rapide. Kreuger braucht ständig viel frisches Geld, braucht die Rückkehr des Vertrauens – er braucht also einen richtig großen Coup.

Vor ein paar Wochen hat er einem sorgfältig ausgewählten US-Journalisten ein großes Interview gegeben. Es war das erste und einzige – gerade genug, um einen Hype in der gesamten Presse auszulösen. Nächste Woche erscheint das „Time“-Magazin sogar mit Kreuger auf dem Cover. Der Kredit an Deutschland – für den er das Geld erst noch auftreiben muss – ist die große Nummer, die beeindrucken soll. Je beiläufiger sie aussieht, desto besser.

Kreuger besitzt Luxuswohnungen in aller Welt, in Berlin residiert er direkt am Brandenburger Tor. Normalerweise meidet er die Öffentlichkeit. Aber vielleicht ist es ja an diesem Samstagabend ganz nützlich, kurz hinüber ins Adlon zu gehen und sich beim diskreten Feiern zu zeigen? Vielleicht hilft ein etwas kurioses Menü, um die Story von seinem Erfolg in Umlauf zu bringen?

In der Rückschau wirkt das Berliner Solodinner allerdings wie eine vorweggenommene Henkersmahlzeit. Denn an die Ereignisse kurz zuvor wird man sich in Deutschland künftig als den Schwarzen Freitag erinnern, mit dem die Weltwirtschaftskrise beginnt. Als am Montag die New Yorker Börse öffnet – und „Time“ mit dem Kreuger-Titel erscheint –, gibt es für die Kurse erneut kein Halten mehr. Allein bis Dienstagabend fällt der Markt um weitere 25 Prozent. Das Desaster, das daraus folgt, endet für Kreugers Investoren mit geschätzten 400 Mio. Dollar Verlust. Für den „Match King“ endet es mit einem Schuss und einer Kugel im Herz.