ImpfstoffsucheWirkt das? Biotech gegen Corona

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Drei Millionen Influenza-Tote jährlich in China

Die Weltgesundheitsorganisation WHO startete kürzlich die globale Covid-19-Studie „Solidarity Trial“, die vier solche Medikamente prüft, darunter das Ebola-Präparat Remdesivir des US-Konzerns Gilead und das Malaria-Medikament Chloroquin des Pharmariesen Bayer. Doch um die Versuche zu finanzieren, musste die WHO Privatleute, Unternehmen und Regierungen zu Spenden aufrufen. Gemessen an den Milliardenpaketen, mit denen Regierungen weltweit Unternehmen retten, sind die Investitionen in die Forschung immer noch überschaubar. Als sich das Coronavirus im Januar von China aus in die Welt ausbreitete, initiierte Atriva ein Forschungsprogramm, erzählt Lichtenberger. Schon zu Beginn der Epidemie ließen chinesische Krankenhäuser in Tübingen anfragen, ob der Atriva-Wirkstoff auch gegen Corona helfe. Mit den Chinesen steht Lichtenberger schon seit 2019 in engem Kontakt.

Weil in China jährlich mehr als drei Millionen Menschen an Influenza sterben, war ursprünglich geplant, das neue Grippemittel ATR002 durch ein mehrjähriges Forschungsprojekt zu verfeinern. Die Chinesen hätten das gerne selbst getan, doch Lichtenberger bestand darauf, die Versuche in den eigenen Laboren durchzuführen – nicht zuletzt aus Angst, den Wirkstoff im Erfolgsfall an die Chinesen zu verlieren. Seit weltweit Alarm herrscht, geht vieles in der Heimat leichter. Ende Februar stellten Lichtenbergers Hauptinvestoren – der deutsche Hightech-Gründerfonds und eine holländische Gruppe – eine Kapitalerhöhung von 10 Mio. Euro in Aussicht.

Die Spritze hilft, aber sie wird bei Weitem nicht reichen, wenn der Wirkstoff anschlägt und eine Studie mit Infizierten durchgeführt werden muss. Ganz zu schweigen von den Investitionen, die es zum Aufbau einer Tablettenproduktion bräuchte. Immerhin gibt es Bewegung bei den strengen Regularien für neue Wirkstoffe. Genehmigungen für Studien werden nun binnen wenigen Tagen erteilt – das gab es noch nie.

Zeitplan ohne Netz und doppelten Boden

„Es ist unglaublich, wie schnell jetzt alles geht“, sagt Lichtenberger. Die Berliner Charité will den Atriva-Wirkstoff ATR-002 in eine ihrer Corona-Studien aufnehmen. Falls die Versuche der Tübinger Erfolg zeigen, soll es zügig weitergehen. 5000 Tabletten des Wirkstoffs lässt Atriva deshalb gerade in Darmstadt herstellen. Noch vor Ostern hoffen sie, „belastbare Ergebnisse“ zu haben. Eigentlich wollten sie schon Ende März so weit sein, doch die dritte Woche im Labor lief nicht glatt. Der Erreger wuchs auf bestimmten Zellen nicht, sie mussten die Anzucht- und Infektionsbedingungen optimieren. Ludwig trägt es mit der Fassung des Wissenschaftlers, der Rückschläge gewohnt ist. „Es war ein Zeitplan ohne Netz und doppelten Boden für den Fall, dass alles hundertprozentig klappt.“

Am 30. März starten sie in allen drei Laboren die eigentlichen Tests. Dafür teilen sie infizierte Lungenzellen in zwei Gruppen. Auf die eine träufeln sie den Wirkstoff, auf die andere nicht. Im Labor in Münster arbeiten Ludwig und seine Mitarbeiter nun rund um die Uhr. Im Abstand von 12, 24, 48 und 96 Stunden zählen sie, wie stark sich die Viren vermehren. Nur wenn ihr Medikament sie zu über 90 Prozent eindämmt, ist es erfolgreich, erklärt Ludwig. Andernfalls würde es das Virus nur ein paar Stunden aufhalten können. Ludwig hat inzwischen eine Ausnahmegenehmigung der Behörden bekommen: Selbst wenn es in der Firma einen Corona-Fall geben sollte, dürften sie weiterarbeiten – auch wenn ringsum Labore und Institute schließen. „Es wäre ja bizarr, wenn sie uns zumachen, während wir an einem Mittel gegen Corona arbeiten“, sagt Ludwig. „Wir sind systemrelevant.“

Vier Hoffnungsträger gegen Corona

Remdesivir: Das Mittel des Herstellers Gilead Sciences wurde in Heilversuchen erfolgreich gegen Ebola eingesetzt. Seit Januar wird es an Corona-Patienten getestet.

Chloroquin: Bei Tests an Zellkulturen reduzierte das Malariamittel Coronaviren. Trump pries es früh als Wundermittel. Bayer stellt eine Produktion in Europa in Aussicht.

Lopinavir: Das HIV-Mittel hat im Labor die Ausbreitung von Coronaviren gehemmt. In China schlug das Mittel allerdings bei schwerkranken Corona-Patienten nicht an.

Impfstoffe: Die US-Firma Moderna testet ihren Impfstoff bereits an Menschen, die deutschen Pioniere Biontech und Curevac starten damit Ende April und im Frühsommer.

 


Der Beitrag ist in Capital 4/2020 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay