ImpfstoffsucheWirkt das? Biotech gegen Corona

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Codename ATR-002

Zeitgleich mit den Tests in Münster laufen auch in Tübingen und Gießen Laborversuche mit ATR-002 an. Dort arbeiten der Immunologe und Virusforscher Oliver Planz und der Virologe Stephan Pleschka. Alle drei Wissenschaftler, Koryphäen ihres Fachs, haben das Start-up Atriva 2015 als Spin-off der Uni Tübingen mitgegründet. An ihrem Wirkstoff
ATR-002 arbeiten sie schon länger. Nachweisen konnten sie im Labor bereits, dass das Mittel die Vermehrung normaler Grippeviren hemmt. Getestet haben sie es bisher nur an gesunden Patienten: Es ist gut verträglich und ohne Nebenwirkungen.

Auch deshalb sehen Experten Atriva als einen Hoffnungsträger unter den vielen Corona-Forschungsinitiativen. Beim Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) heißt es, die Atriva-Studien zählten „zu den wenigen vielversprechenden Ansätzen aus Deutschland“. Auch internationale Spezialisten sind auf die kaum bekannte Tübinger Firma aufmerksam geworden, etwa die Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates, die bereits knapp 50 Mio. Euro in den benachbarten Impfstoffhersteller Curevac investiert hat.

Unterfinanzierte Branche

Rainer Lichtenberger, CEO von ­Atriva Therapeutics, ist seit 30 Jahren in der Pharmabranche tätig
Rainer Lichtenberger, CEO von ­Atriva Therapeutics, ist seit 30 Jahren in der Pharmabranche tätig

Wie hart der Weg bis zu diesem Punkt war, kann Rainer Lichtenberger erzählen, der Atriva-CEO. Der gelernte Industrieapotheker mit Business-MBA arbeitet seit 30 Jahren in der Pharmabranche und gründet seit 15 Jahren selbst Biotechfirmen – ein „Serientäter“, wie er sagt. Der Atriva-Chef, selbst mit rund sieben Prozent beteiligt, gehört zur sehr überschaubaren Gruppe von Biotech-Investoren, die in diesem Geschäft trotz geringer Renditen und hoher Risiken durchhalten. Zu Lichtenbergers Daueraufgaben gehört es, frisches Kapital aufzutreiben. Seit der Gründung haben sie 9 Mio. Euro eingesammelt. Die Forschung an Wirkstoffen verschlingt viel Geld, doch solange ein Unternehmen seine Mittel nicht auf den Markt bringen kann, setzt es praktisch nichts um.

Beim Bund hat Atriva mehrfach Forschungsanträge gestellt, um an Fördermittel zu kommen – ein umständlicher Formularkrieg, bei dem kaum etwas online laufe, berichtet Lichtenberger. Trotzdem sind sie fast immer abgeblitzt. Den Biotechfirmen in Deutschland fehle es an staatlicher Unterstützung und am Interesse der Pharmabranche, bestätigt Regina Hodits, Managing Partner bei Wellington, einem der wenigen deutschen Life-Science-Fonds mit 400 Mio. Euro Investitionsvolumen.

In der Vergangenheit seien viele kleine Biotechfirmen aus Kapitalmangel auf der Strecke geblieben. „Wer ein Medikament zur Zulassung bringen will, muss ziemlich schnell große und teure Studien stemmen können“, sagt Hodits. Nun aber komme vieles in Bewegung. Wegen Corona gebe es mehr Patienten, mehr Geld und die Einsicht, dass Europa die Entwicklung von Impf- und Wirkstoffen vernachlässigt hat. „Die Corona-Pandemie könnte einigen Biotechunternehmen zum Durchbruch verhelfen.“ Bislang aber wackelt die Finanzierung selbst bei bereits verfügbaren Medikamenten, von denen Experten hoffen, dass sie gegen Covid-19 helfen könnten.