InterviewWirecard-CEO Markus Braun im Interview: „Der Markt ist embryonal“

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Was sind aus Ihrer Sicht weitere Trends und Entwicklungen?

Wir glauben, dass wir in den kommenden zehn Jahren mit unserer Stimme bestellen werden. Da entsteht ein ganz neuer Vertriebskanal. Wenn man einem Voice-Assistenten sagen kann: „Ich möchte am Wochenende nach Venedig, such mir Flüge am Freitagabend bis 300 Euro raus, schau nach guten Hotels bis 200 Euro, möglichst im Zentrum, und nach einem guten Restaurant“ – und das klappt, wird das ein evolutionärer Bequemlichkeitsschritt sein.

Zum Beispiel für Kinder, die dann allein zu Hause eine Playstation bestellen?

Solche Geschichten gibt es. Aber es ist normal, dass sich die Diskussion zunächst auf das konzentriert, was schiefgeht. Wir sind natürlich noch meilenwert davon entfernt, das ist hochkomplex – aber es wird kommen, und dann wird der Konsument es nutzen. Und es wird dem Händler nutzen: mit mehr Umsatz, höheren Margen. Es geht nicht nur um Bezahllösungen, wir verkaufen Mehrwert.

Sie haben nach dem Dax-Aufstieg große Ziele angekündigt: Der Börsenwert sollte von 20 auf 100 Mrd. Euro steigen, der Umsatz von 1,5 Mrd. auf 10 Mrd. Euro. Würden Sie heute den Mund immer noch so voll nehmen?

Unsere Umsatzziele sind keine Hy­bris, wir sind eher konservativ in den Zielen. Über unsere Bewertung entscheiden Investoren. Ich sage nur: Wenn unser Wachstum so weitergeht, wieso soll die Bewertung diesem nicht folgen? Unser Gewinn vor Zinsen und Steuern ist im ersten Halbjahr um fast 40 Prozent gewachsen, wir haben Neugeschäft mit einem potenziellen Volumen von 30 Mrd. Euro abgeschlossen. Das sind rund 180 Prozent Zuwachs.

Anfang November ist eine Analyse von Merrill Lynch erschienen, die die Nachhaltigkeit Ihrer Wachstumsdynamik anzweifelt. Der Befund: Auf dem deutschen Markt sei Wirecard bei nur fünf der größten E-Commerce-Händler der Anbieter.

Unsere Aktie wird von 29 Analysten beobachtet, 23 empfehlen uns zum Kauf. Grundsätzlich kommentieren wir Analystenmeinungen ja nicht, aber um Ihnen eine Größenordnung zu geben: 2017 nutzten in Deutschland 18 000 Händler unsere Plattform, mit einem Transaktionsvolumen von 18,9 Mrd. Euro. Sie haben immer Psychologie im Markt, gerade bei Tech-Werten.

Warum sagt Merrill Lynch, dass Wirecard im deutschen E-Commerce kaum eine Rolle spielt?

Das ist nicht der Punkt. Die Analyse hatte ein bestimmtes Krite­rium: Wer von den Top-100-Händlern nutzt unsere Dienste – und das Ergebnis lautete fünf. In Wirklichkeit sind es 18. Ich kann andere Zahlen nicht nachvollziehen. Außerdem bieten wir eine Fülle von Mehrwertdiensten wie etwa Kundenbindung oder die Herausgabe ­digitaler Karten an, die diese Analyse gar nicht berücksichtigt. Im Übri­gen kommen unsere Kunden nicht nur aus dem Handel, sondern aus allen Industrien – aus der Touristik oder dem digitalen Bereich, da­runter Kunden wie zum Beispiel Sky Deutschland und Teamviewer.

Wirecard polarisiert offenbar, auch bei Investoren. Einige große Fondsgesellschaften wie Jupiter, Comgest und Alken halten große Positionen, andere sagen: Das ist mir zu intransparent. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?