InterviewWirecard-CEO Markus Braun im Interview: „Der Markt ist embryonal“

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Wann werden wir flächendeckend kontaktlos bezahlen?

Ich bin vorsichtig mit Jahreszahlen geworden. Aber wenn Sie mich fragen, ob wir in zehn Jahren noch Plastikkarten im Portemonnaie haben, dann sage ich: Entscheidend ist nicht die Karte, sondern die Technologie dahinter. Also wird das Plastik verschwinden. Wir werden künftig mit einem digitalen Gerät unsere Transaktionen vollziehen. In Echtzeit, in Verbindung mit Biometrie.

Wir erleben die technologischen Umbrüche an vielen Stellen: Was waren für Ihre Branche die wichtigsten Treiber? Und warum passiert der Umbruch gerade jetzt?

Auslöser für das Tempo sind ganz klar die Kombination aus größerer Bandbreite und die Verbreitung von Smartphones. Dadurch sind das mobile Zahlen und Prozesse in Echtzeit Realität geworden. Es geht nicht mehr um online versus stationär. Es geht drum, den stationären Handel in die digitale Echtzeitwelt hineinzuholen und alles zu verschmelzen. Der Kunde bekommt den dynamischen Rabatt vor Ort, er finanziert in Echtzeit, er bezahlt beim Raus­gehen automatisch.

Sie haben eine „Strategie 2025“, darin schildern Sie mit einer fiktiven Kundin namens Julia den Einkauf der Zukunft: Julia wird erfasst, sobald sie sich einem Geschäft nähert; der Laden weiß, dass sie online nach einer grünen Handtasche gesucht hat; also bekommt sie eine angeboten. Im Hintergrund greifen ein dynamisches Pricing, werden individuelle Rabatte errechnet, Zusatzgeschäfte bei Finanzierung und Versicherung angeboten – das ist der blanke Horror für Datenschützer.

Alles, was wir entwickeln, auch diese Vision mit Julia, ist in jeder Form mit dem Datenschutz konform. ­Datenschutz darf aber keine Ausrede sein, nicht innovativ zu sein. Um in dem Beispiel zu bleiben: In einem Smartphone müssen Sie einen solchen Service ein- und ausschalten können. Ich behaupte aber: Die Mehrwerte werden so stark sein, dass sich das durchsetzt.

Trotz Datenschutzverordnung?

In der Debatte haben wir in meinen Augen einen Punkt vergessen: Es geht um den persönlichen Mehrwert für Konsumenten. Haben die Nutzer ihr Verhalten in sozialen Netzwerken verändert? Nein. Menschen nutzen freiwillig Facebook oder Whatsapp. Beim Bezahlen wird es genauso sein. Der Kunde entscheidet, welche Dienste er an- und ausschaltet.

Wo ist der Anreiz für Kunden, sich überwachen zu lassen und „dynamische Preise“ zu bekommen?

Ein dynamischer Preis kann ja auch bedeuten, dass man dem Kunden einen individuellen Rabatt einräumt. Durch ein flexibles Modell werden Preise günstiger. Die ganze Werbung ist heute nur „push“ – wenn man den Kunden aber sonst unbehelligt lässt, etwa auf der Fernsehcouch, weil man ihn gezielt erreicht, ist das doch eine Verbesserung.

Vielleicht, aber es ist das Ende des „Erlebnisses“, von dem Händler gern sprechen.

Das Erlebnis bieten eine gute Wein- und Käseabteilung nach wie vor. Der Einkauf hochpreisiger Güter wird noch stärker zu einem Erlebnis, bei dem Verkäufer mit Tablets zum Kunden kommen und beraten und gegebenenfalls online liefern. Alles, was Standard ist, der klassische Großeinkauf, wird automatisiert.