InterviewWirecard-CEO Markus Braun im Interview: „Der Markt ist embryonal“

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Banken haben Geschäfte liegen gelassen, die Sie nun übernehmen: den Payment-Markt oder das ­Kreditkartengeschäft etwa. Dessen Akteure sind an der Börse nun wertvoller als Geldinstitute. ­Haben die Banken geschlafen?

Diese Bereiche waren nie die Kernkompetenz von Banken und immer ausgelagert. Die technologischen Ansprüche sind aber drastisch gestiegen, seit Bezahlungen quasi in Echtzeit vollzogen werden müssen. Das ist etwas anderes als eine ­Kredit- oder EC-Karte mit PIN-­Nummer. Deshalb sind ganz neue Geschäftsmodelle entstanden.

Gab es einen Heureka-Moment, als Sie erkannt haben, welche disruptive Welle auf uns zukommt?

Ich könnte keinen speziellen Moment nennen. Ich habe eher unterschätzt, wie lange die Entwicklung bis zur vollständigen Akzeptanz dauert. Wir haben rund 15 Jahre lang fast autistisch unsere Strategie verfolgt. Mit der Überzeugung, dass irgendwann der Markt kommt. Wir haben viele Rückschläge erlebt. Viele Entwicklungen – virtuelle Kreditkarten, kanalübergreifender Handel und Bezahlen – haben wir technologisch antizipiert. Und dann dauert es fünf bis zehn Jahre, bis sich manche Dinge durchsetzen. Es ist eher so, dass ich manchmal Schwierigkeiten habe, die Entwicklungen von außen zu beurteilen, ich beschäftige mich schon so lange damit.

Wenn der Payment-Markt so rasch wächst und profitabel ist: Erwachsen Ihnen da neue Wettbewerber?

Das sehe ich entspannt. Wenn jemand kurzfristig auf diesen Trend aufspringt, steht er vor unglaub­lichen technischen Herausforderungen. Ich nenne das immer das Eisberg-Paradigma. Sie sehen nur die Spitze. Aber weltweit und in Echtzeit Bezahlungen abwickeln, das ist hochkomplex.

Fürchten Sie nicht, dass auch hochprofitable US-Banken, chinesische Internetriesen oder Bezahlfirmen wie Paypal perspektivisch in Ihr Geschäft eindringen?

Warum? Der Markt ist noch embryonal, es ist Raum für Wachstum für noch viel mehr Akteure. Gerade mal 20 Prozent aller Bezahlvorgänge laufen weltweit elektronisch, vielleicht zwei Prozent voll digital. Wirecard hat im vergangenen Jahr Transak­tionen im Wert von 91 Mrd. Euro ­abgewickelt. Was ist das in Relation zu einem Weltmarkt, auf dem dreistellige Billionensummen pro Jahr fließen? Selbst Amazon ist, wenn man den Handel insgesamt betrachtet, noch klein. Das Thema Digitali­sierung ist zwar gefühlt schon lange da, greift aber jetzt erst richtig.

Die Payment-Industrie setzt stark auf das kontaktlose Bezahlen mit dem Smartphone und Karten. Wird sich das im bargeldtreuen Deutschland durchsetzen?

Ja, vor allem, wenn die Menschen intuitiv den Mehrwert erkennen. Wenn Sie eine Technologie erklären müssen, haben Sie ein Problem. Das war im Onlinehandel genauso: Alle bestellen heute online, weil sie wissen, dass es funktioniert, bequem und sicher ist. Vor zehn Jahren war es kompliziert, das meiste ging auf Rechnung oder Vorkasse, die Angst vor Betrügern war groß. Beim mobilen Bezahlen stehen wir vermutlich da, wo der Onlinehandel etwa im Jahr 2005 stand. Es gibt Angebote, die Early Adopter nutzen. Mit Wallets wie Google Pay und Apple Pay aber, die in Kombination mit unserer Mobile-Payment-Lösung Boon bankenunabhängig funktionieren, wird der Nutzen für die breite Masse immer klarer. Auch wenn noch nicht alles reibungslos klappt.